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Gebäudeenergieberater: Experten für Energie und Einbruchschutz

Wer sein Haus energetisch saniert, sollte auch auf den Einbruchschutz achten, haben sich die Gebäudeenergieberater überlegt. Eine Synergie, die Handwerkern und Kunden nützt.

Topic channels: TS Energieberater und TS Energieeffizienz

Für Gebäudeenergieberater Dieter Bindel wäre das ein Schreckensszenario: Er berät einen Kunden, der lässt daraufhin sein Haus energetisch sanieren und wärmedämmende Fenster einbauen. Dann passiert ein Einbruch und der Kunde stellt fest, dass seine Isolierfenster zwar gegen Wärmeverlust schützen, aber keinen Einbruchschutz haben, obwohl das für 70 Euro Aufpreis pro Fenster möglich gewesen wäre. Der Energieberater hat den Kunden einfach nicht darüber informiert. „So etwas darf nicht passieren“, sagt Bindel, der eine Firma für Isolierungen in Waiblingen hat und zweiter Vorsitzender des Bundesverbandes Gebäudeenergieberater Ingenieure Handwerker (GIH) ist. Der GIH ist mit 2500 Mitgliedern der größte bundesweite Verband von Gebäudeenergieberatern des Handwerks sowie von Architekten und Ingenieuren. Und die Verbandsspitze hatte die Idee, Energieberatung und Einbruchschutz zu kombinieren, denn was liegt näher, als bei einem Fenster- und Türentausch auch gleich einbruchhemmende Maßnahmen zu treffen, erklärt Handwerksunternehmer Bindel.

Polizei und Handwerk kooperieren

So fand ein erstes Webinar mit Einbruchexperten der Landeskriminalämter von Baden-Württemberg statt. Rund 100 Energieberater aus ganz Deutschland nahmen teil und stellten schnell fest, dass es eine ideale Kombination ist: Die Präventionsberater der Polizei weisen bei ihrer Beratung auf nötige energetische Maßnahmen hin und stellen den Kontakt zum GIH-Energieberater her. Dieser wiederum bedenkt bei jeder Energieberatung den Einbruchschutz. Für den Kunden lohnt sich das auch finanziell. Denn für Einbruchschutzmaßnahmen im Zusammenhang mit energetischer Sanierung können Fördermittel der KfW in Anspruch genommen werden (siehe Kasten auf dieser Seite).

Da für die Beantragung von KfW-Fördermitteln bei einer energetischen Sanierung ein zugelassener Energieberater zwingend erforderlich ist, sieht Dieter Schneider, Präsident des Landeskriminalamts Baden-Württemberg, die Energieberater als „optimale Multiplikatoren für die Sensibilisierung der Haus- und Wohnungseigentümer für technische Maßnahmen gegen Wohnungseinbrüche“.

Handwerker sensibilisieren

Das sehen die Gebäudeenergieberater genauso. Verbandsvize Bindel will die gestartete Informationskampagne fortsetzen, das nächste bundesweite Webinar in Zusammenarbeit mit der Polizei ist für Juni geplant. Weitere Maßnahmen auf regionaler Ebene sollen folgen. Es geht den Handwerkern nicht darum, eine zusätzliche Weiterbildung auf die mit rund 250 Stunden schon aufwendige Qualifizierung zum Gebäudeenergieberater des Handwerks draufzusetzen. „Wir wollen nicht als Präventionsberater auftreten, das bleibt das Spezialgebiet der Polizei“, erklärt Bindel. Denn die berücksichtigt weitaus mehr als Fenster, Türen und Kellerschächte. Die Einbruchsspezialisten inspizieren auch die Umgebung, den Garten oder die Garage. Es geht den Energieberatern um mehr Kompetenz, darum, für das Thema Einbruch sensibel gemacht zu werden. Natürlich gehöre dazu auch, sich intensiv mit den Produkten vertraut zu machen, so Bindel. Ein Energieberater müsse schon wissen, was ein Fenster oder eine Tür einbruchsicher macht und welche Hersteller die nötige Kompetenz haben.

Josef Moosreiner, Technischer Rat beim bayerischen Landeskriminalamt und erfahrener Experte in Sachen Einbruchschutz, kann sich auch vorstellen, dass ein Päventionsberater der Polizei gemeinsam mit einem Energieberater beim Kunden auftritt. Die Nachfrage bei Haus- und Wohnungsbesitzern sei jedenfalls groß, die bundesweit 360 kriminalpolizeilichen Beratungsstellen seien gut beschäftigt. Die Beratung durch die Polizei ist kostenlos, auch wenn sie vor Ort stattfindet.

Laut Moosreiner kooperiert die Polizei schon lange mit dem Handwerk, denn die Beratungsstellen haben regionale Listen mit qualifizierten Meisterbetrieben, die sie Interessenten zur Verfügung stellen. „Handwerksbetriebe, die die entsprechenden Qualifikationen haben, können sich in die Fachlisten aufnehmen lassen“, so Moosreiner. Informationen dazu geben die Landeskriminalämter.

Immer mehr Einbrüche

Die Nachfrage nach einer kombinierten Beratungsleistung für Energiesparen und Einbruchschutz ist jetzt schon groß und wird weiter wachsen. 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland entfällt auf Gebäude, 65 Prozent dieser Gebäude sind aus energetischer Sicht sanierungsbedürftig. Gleichzeitig will die Bundesregierung mit ihrem Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz (siehe auch handwerk magazin 2/2015) den Primärenergieverbrauch in Deutschland gegenüber 2008 bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent senken. Das geht nur über die energetische Sanierung von Gebäuden.

Gleichzeitig steigt die Zahl der Einbrüche in Wohnungen und Gewerbeobjekte. Die polizeiliche Statistik verzeichnet für 2013 rund 150 000 Fälle, das ist ein Anstieg von 3,7 Prozent gegenüber 2012. Innerhalb der letzten fünf Jahre ist die Zahl der Einbrüche um ein Drittel gestiegen. Eingebrochen wurde meist über Fenster und Türen, die Einbrecher verursachten dabei einen Schaden von über 427 Millionen Euro.

Erfolgreiche Prävention

Allerdings stieg auch die Zahl der gescheiterten Einbrüche, 2013 blieben 40 Prozent aller Einbrüche im Versuchsstadium stecken, nicht zuletzt wegen sicherungstechnischer Maßnahmen, die von Beratungsstellen der Polizei empfohlen und vom Handwerk eingebaut wurden.

Über 80 Prozent der Haus- und Wohnungseinbrüche werden laut Polizeistatistik mit einem einfachen Hebelwerkzeug, zum Beispiel einem Schraubendreher ausgeführt, für Profis eine Sache von Sekunden. Dauert es länger, weil das Objekt einbruchsgeschützt ist, macht sich der Dieb meist auf und davon. Studien belegen, dass Täter nach fünf Minuten aufgeben.

Preiswerter Schutz

Dabei ist effektiver Einbruchschutz preiswert, Polizeiexperten gehen von 0,5 bis 1,5 Prozent höheren Baukosten aus. Doch was schützt wirklich? Entscheidend bei den Produkten ist hier die Widerstandsklasse RC 2 nach DIN EN 1627 (geprüfte und am besten zertifizierte einbruchhemmende Bauprodukte). Diese Widerstandsklasse ist Mindestanforderung für leicht erreichbare Fenster und Fenstertüren sowie eingebaute Gitter oder Rollläden. Die Fenster sollten mit einem geprüften einbruchhemmenden Fensterbeschlag in Verbindung mit einem abschließbaren Fenstergriff ausgerüstet oder mit geeigneten aufschraubbaren Sicherungen nachgerüstet werden. Die Sicherung mit einem abschließbaren Fenstergriff allein genügt nicht. Nachrüstsysteme wie Schlösser sollten der DIN 18104 Teil 1 (aufschraubbar) oder Teil 2 (im Falz eingelassen) entsprechen. Für Einbruchmeldeanlagen gilt die DIN EN 50 131-1.

Handwerker, die sich zum Gebäudeenergieberater weitergebildet haben, dürfen seit einem Jahr wieder die von der KfW geförderten Einzelmaßnahmen durchführen und die förderrelevanten Bestätigungen ausstellen. Voraussetzung: Sie sind in die Energieeffizienz-Expertenliste der Deutschen Energie-Agentur (dena) für Förderprogramme des Bundes eingetragen.

Vorher mussten sich die Handwerksbetriebe entscheiden, ob sie als Sachverständige nur beratend tätig werden oder als Bauausführende die Aufträge durchführen. Die neue Regelung ist für Kunden von Vorteil, weil sie die Beratung und auch die Ausführung aus einer Hand bekommen können.

Aber auch Handwerksbetriebe profitieren davon, speziell wenn sie zusätzlich zu den energetischen Sanierungsmaßnahmen auch gleich den Einbruchschutz anbieten können. Für Tischler, die Türen und Fenster einbauen, für Metallbauer, die Einbruchsgitter montieren, oder für Rollladenbauer eröffnen sich beste Marktchancen. Vorausgesetzt, sie sind zusätzlich zu ihrem Fachhandwerk Gebäudeenergieberater und nutzen die Chance, Kunden alles aus einer Hand anzubieten.

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