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Flüchtlinge: Das zweite Leben des Khan Wali Jamal Khel

Was geschieht genau, wenn ein Betrieb einen Asylbewerber ausbilden möchte? Die Dachdeckerei Spindler hat es getan. Um einen Beitrag zu leisten. Und gute Erfahrungen damit gemacht.

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Acht Meter über der Erde fängt der Mann den roten Dachziegel zwischen den behandschuhten Händen. Er geht in die Hocke, setzt den Ziegel mit dem Falz an das bereits liegende Tonstück an. Mit seiner grauen Arbeitshose und der gleichfarbigen Weste unterscheidet er sich kaum von den anderen Handwerkern auf dem Dach des Einfamilienhauses. Auffällig sind jedoch seine dunkle Haut und die schwarzen, leicht gelockten Haare. Denn Khan Wali Jamal Khel lebte ursprünglich in der Nähe von Jalalabad, Afghanistan. Bevor er flüchtete.

Vor drei Jahren ist er mit seiner Frau und seinen Kindern in Deutschland angekommen; nach einer Reise ins Ungewisse; nach nächtlichen Fußmärschen und einer Fahrt auf dem Schlauchboot über das Mittelmeer. Jetzt beginnt er im Alter von 38 Jahren ein neues Leben als Auszubildender der Dachdeckerei-Spenglerei Spindler in Ingolstadt. „Ich versuche, mich immer zu verbessern und viel zu lernen“, sagt Jamal Khel. Motiviert geht er an die neue Arbeit; in der Truppe fühlt er sich wohl. „Er passt super ins Team“, meint auch Karl Spindler, der Inhaber des Familienunternehmens. Vor jeder Einstellung fragen die Spindlers ihre Mitarbeiter nach deren Einschätzung.

Betriebe machen Druck

Immer mehr Handwerksbetriebe stellen Asylbewerber ein oder bilden sie aus. Zum einen aus persönlichem Engagement, aus Betroffenheit, dem Impuls zu helfen. Zum anderen gehen der Branche die Fachkräfte und ausbildungswilligen Jugendlichen aus. „2014 hatten wir 4700 unbesetzte Ausbildungsplätze allein in Bayern“, bilanziert Jens Christopher Ulrich, Pressesprecher der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Deutschlandweit waren Ende August 2015 noch 24 000 Ausbildungsstellen frei. Eine Besserung scheint nicht in Sicht. Deswegen muss das Handwerk selbst aktiv werden. Die Bereitschaft sei groß, meint Ulrich. Vielen sei die soziale Verantwortung bewusst. Auch Jutta Spindler. Die Ehefrau des Juniorchefs Hans Spindler leitet das Büro des 20 Personen starken Betriebes. „Man muss sich überlegen, was diese Menschen mitgemacht haben“, sagt sie. „Das Beste, was wir tun können, ist, sie auszubilden. Davon haben alle etwas.“ Allein aus Gutmenschentum tut sie es nicht. Das Ziel: Fachkräfte ausbilden, übernehmen und die Zukunft sichern.

Den Kontakt zu Jamal Khel haben die Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (bfz) hergestellt. Dort hat er Anfang 2014 einen Deutschkurs besucht, zu dem ein Praktikum bei den Spindlers gehörte. Die Mitarbeiter waren zufrieden mit Jamal Khel, obwohl er bisher noch ganz ohne Ausbildung war. Also haben Jutta Spindler, ihr Mann und ihre Schwiegereltern beschlossen, es mit dem Asylbewerber zu versuchen. Die Sprache sei die größte Herausforderung bei der Ausbildung eines Flüchtlings, wertet die 38-Jährige. Auch jetzt, in Jamal Khels zweitem Lehrjahr, macht sie sich darüber die meisten Sorgen. Nicht wegen der Kollegen, sondern der Berufsschule. Zwar sei der Lehrling motivierter als die meisten anderen – sogar das Berichtsheft schreibe er immer noch in Reinform ab – aber das freie Formulieren in der theoretischen Prüfung wird ein Problem. „Im Winter müssen wir uns etwas einfallen lassen, um das zu verbessern“, meint Jutta Spindler voller Tatendrang. Sie wird sich vielleicht mit der Handwerkskammer in Verbindung setzen, die in solchen Fällen Hilfe anbietet.

Sicherlich sei der Aufwand für Jamal Khels Lehre größer als bei deutschen Auszubildenden, gibt die 38-Jährige zu. Doch auch die brauchen hin und wieder besondere Unterstützung. „Die Angestellten sind nicht nur eine Nummer, sondern Menschen, von denen wir auch die persönlichen Hintergründe kennen. Das ist für uns sehr wichtig.“

Es geht um Lösungen

Besonders die Formalitäten machen mehr Aufwand: Jamal Khel benötigte nicht nur eine schriftliche Arbeitserlaubnis des Ausländeramts, sondern auch ein Konto für sein Gehalt. Schwierig, ohne Pass. Jutta Spindler entschied sich für den unbürokratischen Weg und ging mit ihm direkt zu ihrer Hausbank. Dort erklärte sie die Situation – und nach einiger Zeit hatte Jamal Khel sein Konto. „Es ist doch alles eine Frage der Kommunikation.“ Mit diesem Leitspruch ist die Unternehmerin noch immer weitergekommen. Auch das Reiseverbot hat sie auf diese Weise aus der Welt geräumt. Denn für die Blockkurse der Berufsschule müssen die Lehrlinge nach Niederbayern reisen. Vor der Aufhebung der Residenzpflicht wäre Jamal Khel dies nicht ohne Sondererlaubnis gestattet gewesen. Auch darum kümmerten sich die Spindlers.

Natürlich stellt die Anstellung eines Flüchtlings auch ein unternehmerisches Risiko dar. Zum einen, weil noch nicht klar ist, ob Jamal Khel in Deutschland bleiben darf. Seit drei Jahren lebt er hier, doch das Asylverfahren ist noch nicht entschieden. Andererseits mussten die Unternehmer die Reaktion des Umfeldes abwägen. Ingolstadt sei zwar nicht für Fremdenhass bekannt, doch Vorfälle könne es überall geben. Das Risiko, Auftraggeber zu verlieren, die ein Problem mit Flüchtlingen haben, nehmen die Spindlers in Kauf: „Das darf uns nicht davon abhalten, die soziale Verantwortung zu tragen.“

Als wolle der Betrieb dies nochmals beweisen, hat er Anfang September einen Ausbildungsvertrag mit Zackarriya Siaka unterzeichnet. Der heute 18-Jährige ist als unbegleiteter Minderjähriger aus Ghana nach Deutschland gekommen und wird von der Kinder- und Jugendhilfe Neuburg betreut. Auch er hat in der Dachdeckerei ein Praktikum absolviert; auch er passt gut ins Team. Nur dauerte es, bis die schriftliche Arbeitserlaubnis des Ausländeramts endlich vorlag. Nur mündlich war schon alles bestätigt. „Sonst hätten wir die Ausbildung verschieben müssen“, seufzt Jutta Spindler, lacht dann aber: Sie ist wie immer zuversichtlich. „Momentan können wir nicht über Befindlichkeiten sprechen. Wir müssen das einfach geregelt kriegen.“

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