Elektrisch beheizbare Kunststoff-Werkzeuge

Bootsbaumeister Jan Meyer, Bremen und Professor Herbert Funke, Fachhochschule Dortmund.

Elektrisch beheizbare Kunststoff-Werkzeuge
Bootsbauermeister Jan Meyer (li.) und Professor Herbert Funke entwickelten elektrisch beheizbare Kunststoff-Formwerkzeuge. -

Die Yachtwerft Meyer in Bremen baut sogenannte Tenderboote, das sind die Boote, die die großen Luxusyachten dabei haben, um die Passagiere an Land zu bringen. Deshalb ist die Kundschaft von Bootsbauermeister Jan Meyer auch ziemlich exklusiv. Das klingt alles interessant, ist aber nur ein Tätigkeitsfeld des Unternehmens.

Das zweite Tätigkeitsfeld ist genauso interessant und wurde erst möglich durch die Innovation, für die Jan Meyer und Professor Herbert Funke den Prof.Adalbert-Seifriz-Preis bekommen: FIBRETEMP – elektrisch beheizbare Kunststoff-Formwerkzeuge.

Man muss sich das so vorstellen: Werden Kunststoffteile gefertigt, zum Beispiel ein Bootsrumpf, wird zuerst eine Form gebaut, auf die dann Glasfasermatten gelegt werden, die wiederum mit Kunstharz überzogen werden. Dann muss das Ganze aushärten, deshalb wird es beheizt. Das war bisher nur mit hohem Energieaufwand möglich.

Die Entwicklung von Jan Meyer und Herbert Funke revolutioniert diesen Prozess. Denn jetzt ist die Form gleichzeitig die Heizung. Bei FIBRETEMP besteht die Form aus Kohlenstofffaser, und durch die elektrische Leitfähigkeit der Kohlenstofffaser kann hier die Temperatur direkt an der Formenoberfläche erzeugt werden. Das spart nicht nur eine Menge Energie, das sorgt auch für eine bessere Härtung der Kunststoffteile. Außerdem sind mit dieser Erfindung Formen in jeder Größe realisierbar.

Deshalb baut Jan Meyer jetzt nicht nur Formen für Boote, sondern auch für Innenverkleidungsteile von Großraumflugzeugen oder 60 Meter lange Rotorblätter von Windkraftanlagen. Sein Unternehmen ist durch die Entwicklung von FIBRETEMP rasant gewachsen, der Umsatz hat sich in diesem Segment in zwei Jahren verdoppelt. Jan Meyer sucht dringend Fachkräfte, um die Aufträge zu erfüllen.

Möglich war diese Entwicklung nur durch den erfolgreichen Technologietransfer zwischen Handwerksbetrieb und Forschung. Nachdem die Yachtwerft einen lukrativen Auftrag eines Flugzeugbauers bekam, musste das Unternehmen eine neue Produktionstechnik entwickeln. Diplomingenieur Jens Brandes, Mitarbeiter von Jan Meyer, hatte über die effiziente Beheizung großer Werkzeugflächen eine Studienarbeit verfasst und stellte den Kontakt zu Professor Herbert Funke von der Fachhochschule Dortmund her. Professor Funke führte erste Versuche durch, zunächst im Labor, dann wurden Prototypen im Unternehmen von Jan Meyer getestet. Heraus kam FIBRETEMP, das inzwischen zum Patent angemeldet ist. Die Zusammenarbeit ist mit der Entwicklung aber nicht beendet. Denn die Vermarktung der Innovation erfolgt gemeinsam: Die Hochschule bringt in Projekten mit Drittunternehmen die technische und wissenschaftliche Beratung ein, der Handwerksbetriebe liefert das Know-how und macht den Formenbau. Auch andere Betriebe können die Entwicklung nutzen, indem sie Lizenzen erwerben. Für die Yachtwerft Meyer hat die Entwicklung von FIBRETEMP große Veränderungen gebracht. Aus dem vor 15 Jahren gegründeten Ein-Mann-Handwerksbetrieb ist inzwischen ein High-Tech-Unternehmen mit 40 Mitarbeitern geworden. Die Yachtwerft nutzt die Innovation im eigenen Betrieb und bietet sie auch als Dienstleistung an. Kunden sind die Flugzeugindustrie, der Fahrzeugbau; der Schiffsbau und immer häufiger die Windkraftbranche. Doch seine Stammkundschaft, die Yachtbesitzer verliert Jan Meyer nicht aus dem Auge.

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