Wirtschaft -

Die Integrationsmeister

Migranten | Jeder fünfte Mitbürger in Deutschland hat ausländische Wurzeln. Ein gewaltiges Potenzial an Arbeitskräften für die Unternehmen. Das Handwerk sollte dieses Fachkräftereservoir noch stärker nutzen.

Als Metin Akdemir sich 1998 selbständig machte und einen Gebäudereinigerbetrieb in Schweinfurt gründete, erhielt er weder von seinen Eltern noch von den Banken einen Startkredit. „Zu riskant“, bekam der Türke zu hören. Heute würden die Banken Akdemir gern einen Kredit geben, denn sein Handwerksunternehmen „MAR Dienstleistungen GmbH“ mit 300 Mitarbeitern steht glänzend da. Akdemir, inzwischen deutscher Staatsbürger, ist ein Paradebeispiel gelungener Integration von Ausländern oder Bürgern mit Migrationshintergrund im Handwerk. Er steht quasi für den Ausspruch von Handwerkspräsident Otto Kentzler:„Der Meister der Zukunft ist ein Türke.“

Die Integration, zurzeit eines der brennendsten Themen in Deutschland, ist im Handwerk nicht nur eine gesellschaftliche Aufgabe, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. „Ab 2015 droht Deutschland ein massiver Arbeitskräftemangel mit verheerenden Folgen für das Sozialsystem“, warnt der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Klaus Zimmermann. Dem Handwerk fehlen wegen der demografischen Entwicklung schon jetzt Lehrlinge und Fachkräfte. „Zur Sicherung des künftigen Bedarfs setzen wir besonders auf Migranten“, sagt Handwerkspräsident Kentzler. Deshalb übertreffen sich Kammern und Verbände mit Aktionen und Angeboten, um ihnen das Handwerk schmackhaft zu machen (siehe Seite 24).

Im Handwerk werden rund 60000 Betriebe von ausländischen Unternehmerinnen und Unternehmern geführt, das sind sechs Prozent aller Handwerksbetriebe. Weitaus höher, aber statistisch nicht erfasst, ist die Zahl der Handwerksunternehmer mit Migrationshintergrund. Gut 4,8 Prozent aller Azubis im Handwerk sind Ausländer, und neun Prozent aller Mitarbeiter haben einen ausländischen Pass. Die Zahlen belegen, dass das Handwerk schon jetzt ein Integrationsmeister ist, das zeigen auch die Beispiele auf den nächsten Seiten. Klar ist aber auch, dass die Quoten noch deutlich gesteigert werden müssen.

Ausbildungsreife sicherstellen

So finden die Betriebe schon heute nicht mehr genügend Auszubildende. Gleichzeitig kommt jedes dritte Kind unter sechs Jahren inzwischen aus einer Zuwanderungsfamilie. Ein gewaltiges Potenzial und „unsere Chance als Handwerk“, wie ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke versichert. Doch so einfach ist es nicht. Laut Integrationsbericht der Bundesregierung absolvieren nur knapp 24 Prozent der Einwandererkinder eine Berufsausbildung, viele scheitern mangels schulischer Bildung und wegen Sprachproblemen. Deshalb fordert das Handwerk von der Politik eine ganze Liste von Maßnahmen, angefangen vom Ausbau der Kinderbetreuung mit Sprachförderung bis hin zum Ausbau von Ganztagsschulen, um die „Ausbildungsreife der Jugendlichen sicherzustellen“, wie es in einem politischen Positionspapier des ZDH heißt.

Für Duran Dolu, der für die Handwerkskammer in München als Ausbildungsakquisiteur versucht, Handwerksbetriebe und Jugendliche mit Migrationshintergrund zusammenzubringen, sind die Schul- und Sprachleistungen aber nicht die Hauptschwierigkeit. Er fordert, das Handwerk müsse mehr „Ethnomarketing“ betreiben und meint damit, sich stärker mit den ausländischen Kulturen auseinandersetzen. „Junge Türken und vor allem ihre Eltern haben oft ein ganz anderes Bild vom Handwerk, geprägt von ihrem Heimatland“, weiß Dolu. Denen müsse man erklären, wie modern Handwerksbetriebe und -berufe in Deutschland seien (siehe Interview).

Aber nicht nur bei den Azubis werden die Handwerksbetriebe immer häufiger auf Migranten setzen müssen. Ausländer haben inzwischen einen wesentlichen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen. Rund 450000 Mitarbeiter im Handwerk haben einen ausländischen Pass, eine weitaus höhere Zahl hat einen Migrationshintergrund. Leute wir Alexander Saib, der aus Kasachs-tan nach Deutschland kam und heute bei der Rückert Heizungstechnik und Sanitär GmbH in Hamburg als bauleitender Monteur wichtige Aufgaben übernimmt. Sein Chef Andreas Schuhmann, Geschäftsführer bei Rückert, bereut keinen Tag, Saib eingestellt zu haben, der zwar keine hervorragenden Noten vorweisen konnte, aber sich sehr schnell integrierte, so Schuhmann.

Zuwanderer qualifizieren

Der Handwerksunternehmer beteiligt sich auch an einem Projekt der Handwerkskammer Hamburg, das durch Qualifizierung von Migranten den Fachkräftemangel abfedern soll. Er hofft, so einen Personalengpass zu überwinden, denn „eine Fachkraft per Zeitungsanzeige zu finden ist inzwischen völlig chancenlos“, so Handwerksunternehmer Schuhmann.

Bei den Unternehmensgründungen hat das Handwerk noch Nachholbedarf. Die gut 60000 Betriebe, die von Ausländern geführt werden, sind häufig Ein-Mann-Unternehmen von relativ geringer Bestandsfestigkeit, besagt eine ZDH-Statistik von 2009. Sie bilden auch weniger aus als deutsche Unternehmen. Allerdings gibt es keine Zahlen, wie viel Handwerksbetriebe von Bürgern mit Migrationshintergrund geführt werden, diese Zahl dürfte deutlich höher liegen. In der gesamten Wirtschaft sind es über 500000, schätzt das Wirtschaftsministerium. Immerhin war jeder fünfte Gründer in Deutschland im vergangenen Jahr ausländischer Herkunft. Die Gründerquote unter den Migranten lag damit bei 1,9 Prozent und überstieg die der Deutschen um 0,3 Prozentpunkte. Dies geht aus einer aktuellen Studie des KfW-Gründungsmonitors hervor.

Dass der Meister der Zukunft ein Türke oder ein Spanier oder ein Kroate sein könnte, ist also durchaus realistisch. Für das Handwerk dürfte es in jedem Fall ein Gewinn sein, das zeigt nicht nur das Beispiel von Gebäudereiniger Metin Akdemir in Schweinfurt, der sichere Jobs auch für deutsche Arbeitnehmer geschaffen hat.

reinhold.mulatz@handwerk-magazin.de

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Eine türkische Übersetzung dieses Beitrags und weitere Infos finden Sie unter
handwerk-magazin.de/ migration

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