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Guy Selbherr "Die Geschäftsmodelle verschmelzen"

Guy Selbherr hat als Vorstand der größten Bürgschaftsbank in Deutschland, der Bürgschaftsbank Baden-Württemberg, einen einzigartigen Einblick in die Gründerszene. Seine These: Wer handwerkliches Können mit Zusatzfeatures versieht, kann wachsen.

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Zukunft: „Die Geschäftsmodelle verschmelzen“

Guy Selbherr hat als Vorstand der größten Bürgschaftsbank in Deutschland einen einzigartigen Einblick in die Gründerszene. Seine These: Wer handwerkliches Können mit Zusatzfeatures versieht, kann wachsen.

Wikipedia definiert Halbhöhenlage als „eine um die Stuttgarter Innenstadt gelegene Gruppe von Wohngebieten, die sich durch ihre topografische Lage an den Hängen rund um den Stuttgarter Talkessel auszeichnet“. Dort befindet sich auch die Bürgschaftsbank Baden-Württemberg – mit Blick über die Innenstadt, die Kulturmeile und die Baustelle von Stuttgart 21. Obwohl größte Bürgschaftsbank in Deutschland, residiert sie in drei unscheinbaren dreistöckigen Gebäuden ohne den Pomp und die Glasfassaden vieler Banken anderswo.

Welche Entwicklungen zeichnen sich gegenwärtig bei Gründungen ab?

Selbherr: Unter den 2349 Unternehmerinnen und Unternehmern, deren Finanzierungen wir 2013 begleitet haben, waren 1368 Existenzgründer. Davon waren 873 Neugründer und 495 Nachfolger. Die Zahl der Neugründer ist dem bundesweiten Trend folgend um fast zehn Prozent zurückgegangen, während die Nachfolgen um mehr als ein Viertel gewachsen sind. Jede vierte Bürgschaftsanfrage stammt aus dem Handwerk. Dies ist der gründungsintensivste Bereich mit einem Anteil von über 50 Prozent.

In welche Richtung gehen die Geschäftsmodelle?

Wir sehen augenblicklich fünf Trends. Erstens: Neue, erweiterte Dienstleistungen wie etwa Reinigung von Solarzellen oder webbasierte Portale zur Vermittlung privater Unterkünfte. Zweitens: eCommerce in Nischenmärkten. Drittens: Individualisierung in allen Bereichen wie etwa MyMuesli. Viertens: Konvergenz, da die Geschäftsmodelle immer mehr ineinander übergehen. Etwa beim Metzger mit angegliedertem Partyservice oder dem Bäcker mit Café. Und fünftens: Eigenvermarktung pfiffiger Ideen über das Internet, zum Beispiel der Spätzle-Shaker, ein Konzept, bei dem man den Teig direkt aus einer Flasche ins kochende Wasser drückt.

Unterscheidet sich hier 2014 vom letzten Jahr?

Derzeit sind keine grundlegenden Veränderungen spürbar. Bemerkenswert ist jedoch die sehr stabile Entwicklung bei der Finanzierung von sogenannten Kleingründungen. Mit 463 Anträgen bis Ende April liegen wir knapp fünf Prozent über dem bereits hohen Vorjahreswert. Gleichzeitig spüren wir eine Zurückhaltung bei höhervolumigen Vorhaben etablierter Unternehmen. Unser Geschäft verschiebt sich hier leicht. Erfreulich ist auch die Belebung im Segment junger Hightech-Unternehmen.

Gibt es Schwerpunkte bei handwerklich orientierten Gründungen und Geschäftskonzepten?

Einen ganz normalen Schreinerbetrieb oder eine Kfz-Werkstatt zu gründen wird zunehmend seltener. Wir sind aber nach wie vor stark gefragt in den klassischen Handwerksgewerken. Auch wenn der Wegfall der Meisterpflicht in Teilbereichen doch zu einem Verdrängungs- und Preiswettbewerb geführt hat. Aber auch hier zeigt sich, dass durch Spezialisierung Kompetenzvorteile am Markt honoriert werden und damit auch lukrative Nischen besetzt werden können. Dies kann ein Malerbetrieb sein, der nur am Abend oder am Wochenende streicht. Das ist für gewerbliche Kunden wichtig, weil sie den Büro- oder Geschäftsbetrieb nicht gestört haben wollen. Das könnte aber auch der Maler sein, der den Auftraggeber unter Anleitung mitmalen lässt.

Entstehen durch die Verbindung von digitalen Prozessen und handwerklicher Fertigung neue Firmen- und Produktkonzepte?

Auf jeden Fall: Was unter Industrie 4.0 läuft, passiert derzeit in allen Branchen. Viele Bereiche oder auch Dinge werden „angereichert“ beziehungsweise „bereichert“ mit Informationstechnologie, deshalb spricht man ja auch vom „Internet der Dinge“. Die Gefahr aus Sicht des Handwerks ist aber auch, dass der Industrie 4.0 mit hoch flexiblen Produktionsverfahren eine Massenindividualisierung gelingt. Das könnte das Handwerk in Teilbereichen gefährden, denn gerade die hohe Qualität handwerklicher Dienstleistungen in Verbindung mit Kundennähe und Individualisierung ist ein besonderer USP des Handwerks.

Was sind die typischen Wachstumssegmente? In welchem Segment wachsen Gründer am stärksten?

Wer das handwerkliche Können mit einem intelligenten Zusatzfeature versieht, der kann wachsen. Online-Vertrieb, hohe Flexibilität, Individualisierung und Standardisierung sind wichtige Stichworte. So entstehen neue Geschäftsmöglichkeiten, wie ein Schreiner, der individualisierte Schrankeinbausätze nach Maß für andere Schreiner zu günstigen Preisen anbietet und damit durch B2B-Geschäft in das Handwerk zurückholt. Ein gutes Beispiel für eine intelligente Verknüpfung ist die Metzgerei Bless in Stuttgart- Möhringen: Mit seinem Maultaschenkonfigurator können sich Kunden Maultaschen nach ihrem Geschmack selbst zusammenstellen.

Nach welchen Kriterien beurteilt die Bürgschaftsbank diese Zukunftsfähigkeit?

Wir prüfen die Unterlagen, die uns die Hausbank einreicht. Wir haben Zugang zum Expertenwissen der Kammern und Verbände, die in jedem Einzelfall bei uns eingebunden sind. Auch bei Hightech-Fragen können wir auf ein großes Netzwerk zurückgreifen. Doch Zukunftsfähigkeit bedeutet nicht automatisch, eine verrückte Technologie einzusetzen. Wichtig ist: einen Bedarf bei potenziellen Kunden mit einer Dienstleistung oder einem Produkt abdecken. Wer keinen Markt hat, kann ihn sich möglicherweise machen, wenn ein Produkt so neu ist. Dennoch muss es dann Grundregeln folgen: Das Leben vereinfachen, ein Grundbedürfnis erfüllen oder einfach nur schön sein und ein Lifestyle-Bedürfnis befriedigen. Wichtig ist heute vor allem, dass der Kunde ernst genommen wird, er will absolute Transparenz – wie ist mein Produkt entstanden, wie wird es entsorgt? – und er will eine ganzheitliche Lösung und kein Flickwerk.

Starke Industrialisierungstendenzen im Handwerk, eine zunehmende Arbeitsteilung, Kostendruck: Wo sehen Sie das Handwerk in zehn Jahren?

Guy Selbherr, geb. 1965, ist seit 2004 Vorstandsmitglied der Bürgschaftsbank Baden-Württemberg und Geschäftsführer der MBG Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Baden-Württemberg sowie stv. Vorsitzender des Vorstands des Verbands Deutscher Bürgschaftsbanken e.V.

Wir beobachten ja durchgehend eine Akademisierung. Und das bedeutet ja auch eine weitere Professionalisierung bei Unternehmensführung und Geschäftsprozessen. Was früher der Meister und seine Frau noch selbst gemacht haben, erledigen heute interne oder auch externe Spezialisten. Die Herausforderung ist: Bereiche, auf die es nicht ankommt oder die nicht sichtbar sind, zu verlagern, während die Präsenz beim Kunden und die individuelle Handwerksqualität stärker betont werden sollten.

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