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Den richtigen Takt finden

Arbeitszeit - Erst teure Überstunden, dann sinnloser Leerlauf? Laut Studie des Deutschen Handwerksinstituts können Sie mit flexiblen Zeitmodellen beides vermeiden und zusätzlich Ihren Kundenservice verbessern.

Themenseite: Arbeitszeit und Arbeitszeitmodelle

Glatte 38 Stunden, aber nur vier Tage zählt eine normale Arbeitswoche für die Werkstattmitarbeiter der Auto Heusel GmbH & Co. KG in Metzingen. Alle vier bis sechs Wochen steht für jeden zudem eine fünfstündige Samstagsschicht auf dem Plan, sodass jeder Mitarbeiter im Durchschnitt die üblichen 40 Wochenstunden absolviert. Entstanden ist das ungewöhnliche Modell vor acht Jahren „mehr aus der Not heraus“, erinnert sich Betriebsleiter Egbert-Hans Biedermann. Damals galt auch bei Auto Heusel noch die übliche Arbeitszeitrechnung: fünf Tage á 7,5 Stunden plus eine gelegentliche Samstagsschicht.
„Aufgrund gestiegener Auftragseingänge verzeichneten wir jedoch Anmeldezeiten von bis zu zwei Wochen“, erinnert sich der Geschäftsführer des Mercedes-Autohauses. Bei der Suche nach Kapazitätsreserven wurden Biedermann und sein Team fündig. „Wir hatten mehr Mitarbeiter als Hebebühnen, sodass Arbeiten oft unterbrochen oder an andere Mitarbeiter übergeben werden mussten.“ Die Lösung des Problems war überraschend einfach: Heute arbeitet jeder Werkstattmitarbeiter in der Viertagewoche pro Tag zwei Stunden länger, das erhöht die Kapazitäten und verlängert die Servicezeiten für die Kunden.

Angst vor Bürokratie

Ein Ergebnis, das Sylvia Weinhold von der Handwerkskammer Reutlingen keinesfalls überrascht: „In einer Zeit, da an den Preisen kaum zu rütteln ist und Auftragsschwankungen zur Regel werden, sind die Arbeitszeiten ein wichtiger Schlüssel“, betont die Betriebsberaterin. Um die Situation im Handwerk zu analysieren und praxistaugliche Modelle mit Vorbildcharakter zu finden, haben die Handwerkskammern in Reutlingen und München eine wissenschaftliche Analyse beim „Deutschen Handwerksinstitut“ (DHI) angeregt. Für die Erhebung wurden mehr als 5000 Fragebögen an Unternehmen verschickt, „354 kamen ausgefüllt zurück“, erklärt Bernhard Zoch vom Münchener Ludwig-Fröhler-Institut für Handwerkswissenschaften, der die Studie im Auftrag des DHI durchführte. Wie die Wissenschaftler vermutet hatten, erwiesen sich die starren Arbeitszeiten als das mit Abstand meistgenutzte Modell (siehe Grafik).
Ausschlaggebend dafür sind laut Zoch aber offenbar „weniger betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten als althergebrachte Vorurteile“. Fragt man Unternehmer etwa nach ihren Erwartungen bezüglich flexibler Arbeitszeiten, glaubt nur jeder dritte, dass solche Modelle im eigenen Betrieb zur Motivationssteigerung, zur Fehlzeitenreduzierung oder zur besseren Auslastung beitragen könnten. Fast die Hälfte fürchtet hingegen einen überbordenden Verwaltungsaufwand. Dass die Befürchtungen sich in der Praxis nicht bestätigen, belegen die Aussagen der Betriebe mit einem flexiblen Arbeitszeitmodell: Über 80 Prozent können damit Auftragsschwankungen besser in den Griff bekommen, zwei Drittel der Befragten haben die Kundenzufriedenheit spürbar verbessert. Als weiteres wichtiges Argument führt Experte Zoch den Betriebserfolg an: So hat der Vergleich aller an der Umfrage beteiligten Unternehmen gezeigt, dass Firmen umso erfolgreicher sind, je weniger sie auf starre Arbeitszeiten setzten. Von der Firmengröße hängt der Erfolg indes – entgegen vieler Vorurteile – nicht ab.

Der Chef als Springer

Arno Asmus und seine vier Mitarbeiterinnen haben die Schwächen eines starren Zeitsystems viele Jahre erlebt. „Mit unserem Alltag war das nicht besonders kompatibel“, bekennt der Friseurmeister im brandenburgischen Döbern. Krankheiten, Kinder oder andere Verpflichtungen der Frauen warfen seine Planungen regelmäßig über den Haufen. „Das Um- und Neuplanen kostete laufend Zeit, Nerven und Überstundenzuschläge“, berichtet der Friseurmeister.
Wie es anders gehen kann, erfuhr er im Jahr 2002 bei einem Seminar. Gleich im Anschluss daran setzte er sich mit seinem Team an einen Tisch. Jede Mitarbeiterin erhielt die Gelegenheit zu beschreiben, wie sie sich ihren idealen Arbeitstag vorstellt und warum. „Außerdem unterteilten wir die Woche in typischerweise umsatzstärkere und umsatzschwächere Phasen und versuchten, diese mit den individuellen Wünschen in Einklang zu bringen“, so Asmus, „was erstaunlich gut funktionierte.“ Das so entstandene Arbeitszeitmodell gilt bis heute im „Frisierstübchen“: Zwei Mitarbeiterinnen arbeiten Vollzeit, zwei Teilzeit. Ihr gemeinschaftlich vereinbarter Schichtplan umfasst eine A- und eine B-Woche. „Dadurch bekommt jede einmal die Rosinen und einmal die Krümel“, lobt der Inhaber.
Möchte eine der Frauen eine Schicht verschieben oder tauschen, stimmen die Mitarbeiterinnen das heute selbständig untereinander ab. „Ich bin nur hin und wieder als Springer mit eingebunden“, schmunzelt der Friseurmeister, der nicht nur die entspannte Stimmung im Salon auf der Habenseite verbucht: „Seit Einführung des neuen Arbeitszeitmodells gibt es bei uns zum Beispiel auch so gut wie keine Überstunden oder Krankschreibungen mehr.“

Stabilität bei den Lohnkosten

Effekte, die sich ebenso im Autohaus Heusel beobachten lassen. Weil die Metzinger ihre Viertagewoche zusätzlich mit einem Jahresarbeitszeitkonto verknüpften und vom Stunden- auf festen Monatslohn umstellten, fallen selbst große Auftragsschwankungen bei den Lohnkosten heute praktisch nicht mehr ins Gewicht. „So können Überstunden aus der Reifenwechsel-Kampagne im Herbst meist im Januar und Februar wieder abgebaut werden“, erklärt Egbert-Hans Biedermann, „sodass das Zeitkonto zum vereinbarten Stichtag am 30. März in aller Regel wieder bei null steht.“
Trotz aller Vorteile für Chef und Mitarbeiter akzeptierte die Geschäftsleitung, dass nicht jeder Beschäftigte sich mit dem Modell arrangieren konnte. „Einem Mitarbeiter, der aus privaten Gründen nicht täglich um 7.30 Uhr im Betrieb sein konnte, haben wir eine andere Tätigkeit im Unternehmen anbieten können“, sagt Biedermann. Dabei erwies sich einmal mehr als Vorteil, dass jeder Funktionsbereich des 42 Mitarbeiter zählenden Unternehmens sein eigenes, maßgeschneidertes Arbeitszeitmodell besitzt. Es muss also nicht die Vier-Tage-Woche für alle sein.

kerstin.meier@handwerk-magazin.de

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