Wirtschaft -

Demografischer Wandel: „Es wird eine Low-Budget-Pflege geben“

Die Pflege ist die größte soziale Zeitbombe ­unserer Gesellschaft, meint Rainer Reitzler, Vorstandsvorsitzender der Münchener Verein Versicherungsgruppe. Für Reformen sei es zu spät.

Themenseiten: TS Altersvorsorge und TS Pflegeversicherung

Seit dem 1. Januar erhalten Pflegebedürftige und ihre Angehörigen deutlich verbesserte Leistungen, meldet das Bundesministerium für Gesundheit auf seiner Webseite. Auch die Prämien wurden angehoben. Doch das Problem ist damit noch lange nicht gelöst. Im Gegenteil. Sein gesamtes Berufsleben widmet sich Rainer Reitzler, Vorstandsvorsitzender des Münchener Verein, diesem Thema. Er promovierte darüber, gab Studien dazu heraus.

Wie viele Deutsche haben eine private Pflegeversicherung?

Rainer Reitzler: Nur etwa drei Millionen.

Weniger als vier Prozent der Bundesbürger? Was kommt da auf uns zu?

Die Generation der heute 45- bis 55-Jährigen rutscht in den nächsten zehn bis 20 Jahren in das Rentnerdasein und dann in das Pflegedasein hinein. Für die Jüngeren, die heute 30 bis 35 Jahre alt sind, ist das positiv: Sie werden dann wieder Platz im Seniorenheim haben. Aber für die Älteren ab 45 Jahren wird es eng.

Wie finanzieren wir die Pflegekosten, die auf diese Babyboomer-Generation zukommen?

Es gibt nur die Möglichkeit, das privat zu finanzieren, denn die gesetzliche Pflegeversicherung wird nicht ausreichen. Die Gesetzliche wird ungefähr nur die Hälfte der Kosten abdecken. Die  Folge: Entweder die Menschen fallen in die Grundsicherung, wenn ihre Vermögen aufgebraucht sind. Oder die Kindergeneration muss es finanzieren. Also: Kinder haften für ihre Eltern. Nach dem Erbe kommt das Vermögen der Kindergeneration dran. Wobei die doppelt belastet ist: Denn sie muss die eigenen Kinder finanzieren und gleichzeitig für die eigenen Eltern bezahlen. Das ist eine Art Sandwich-Position. Wenn Sie das mal vier nehmen – Vater, Mutter, Schwiegervater, Schwiegermutter – dann kann das eine extrem große Belastung werden.

Man sollte sich wieder möglichst viele Kinder anschaffen, damit die Pflege im Alter finanziert ist?

Selbst wenn jetzt ein neuer Babyboom entstehen würde, wäre die Pflege trotzdem nicht mehr über die gesetzliche Pflegeversicherung finanzierbar. Das sagt aber kein Politiker so laut.

Warum verdrängen wir das so?

Verdrängen ist leichter als handeln. Gutachten belegen: Wenn das Rentenniveau und damit auch das Niveau der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung so bleiben soll, dann könnten wir die Rente – wenn wir die Beiträge nicht steigern – erst ab dem 77. Lebensjahr beginnen auszuzahlen. Vergleicht man das mit der Rente mit 63, dann fehlen da 14 Jahre. Diese Lücke muss finanziert werden. Die gesetzliche Rente und die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung sind ja vom Prinzip Umlageverfahren, die von der Hand in den Mund leben. Die vorhandenen Reserven reichen für wenige Wochen und Monate. Dann wäre das System bankrott. Deshalb gibt es Steuerzuschüsse in Milliardenhöhe. Wer heute noch nichts Richtung privater oder betrieblicher Altersvorsorge gemacht hat, sollte das schleunigst tun. Doch für die Babyboomer-Generation ist es schon relativ spät.

Das ist ja nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Problem, da eine ganze Generation finanziell bis an die Grenzen beansprucht werden wird. Wirkliche Alternativen sind nicht in Sicht und für viele kommen sie zu spät.

Ein Teil der Lösung ist, darüber nachzudenken, wie man das Leistungsniveau des gesetzlichen Systems Schritt für Schritt zurückfährt oder wie der Staat über Steuersparelemente oder Zuschussregelungen mehr Anreize geben kann, privat vorzusorgen. Auch Riester-Förderung, Rürup-Förderung und Pflege-Bahr reichen alle nicht aus, um die Bevölkerung dahin zu motivieren, mehr zu tun. Der Fünf-Euro-Pflege-Zuschuss ist auch nur ein zarter Anfang.

Viele Menschen gehen individuelle Risiken ein. Etwa bei Trendsportarten. Diese Absicherung muss man nicht als gesellschaftliche Aufgabe sehen.

Das wurde immer wieder diskutiert. Aber keine Partei oder Gruppe hatte bis jetzt die gesellschaftliche Kraft, dafür zu sorgen, dass solche Fälle ausgegrenzt werden. Im Gegenteil: Die ­Gemeinschaft hat in der Vergangenheit die Leistungen eher erhöht. Als das Geld dann nicht mehr reichte, wurden Steuern zugeschossen. Die Tendenz ist tatsächlich, dass alle Risiken vergesellschaftet werden. Aber das ist der falsche Weg. Denn irgendwann leisten alle für alle und dann verschwindet der Wille, etwas eigenverantwortlich zu regeln.

Die Pflege scheint der Kristallisationspunkt, der deutlich macht, wie die Schere von immer mehr Leistung und immer geringerer Finanzierung aus­einandergeht.

Pflege ist die größte Zeitbombe. Bei der Rente haben sich viele daran gewöhnt, dass man privat etwas tun muss. Bei der Pflege sind das deutlich weniger. Die Menschen werden heute viel älter als früher. Damit schiebt sich die Pflege nicht nur nach hinten. Die Menschen bleiben gleichzeitig auch länger in der Pflege, da sie durch den medizinischen Fortschritt am Leben gehalten werden. Darüber müssen wir noch eine ethisch-moralische Diskussion führen, die bei uns noch nicht geführt wird. Beispiel: Macht die sechste, siebte Chemotherapie für einen todkranken 85-Jährigen noch Sinn? Oder wäre ein anderer Weg humaner und würde mehr Sinn machen?

Wir sprechen bei der Pflege von durchschnittlichen Kosten von 3000 bis 4000 Euro im Monat, was sich viele nicht leisten können. Wird es Low-Budget-Pflege-Lösungen geben?

Das hängt davon ab, was die Gemeinschaft hier zulässt. In Japan ist die Gesellschaft schon deutlich älter als in Deutschland. Man geht dort anders mit älteren Leuten um. Dort gibt es etwa Waschroboter. In diese Geräte werden die Menschen mit ihrem Rollstuhl hineingeschoben und mit Bürsten automatisch gewaschen. Wie in einer Autowaschanlage. Eine solche Maschine kostet 30 000 bis 40 000 Euro und die rechnet sich für einen Low-Budget-Pflegeheimbetreiber, da er Personalkosten spart. Ein anderes Modell sind die hier in Deutschland geduldeten Pflegekräfte aus dem Osten. Und schließlich: Viele Senioren werden nach Thailand oder andere Länder gebracht, wo es eine Pflege für 1000 Euro im Monat gibt. Der Pflegemarkt wird sich teilen: in eine Premiumpflege und eine Standardpflege. Und wir müssen uns gesellschaftlich überlegen, wie hoch bei leeren Kassen der Mindeststandard und die Pflege sein sollen.

Müssen wir uns künftig auf eine Pflege-Migration einstellen? Und was geschieht, wenn der Osten oder Thailand deutlich teurer werden?

Das müssen wir. Aber die Frage ist: Was ist das Niveau in 30 Jahren? Dann wird es möglicherweise das heiße Afrika sein. In Landstriche, wo keiner hinwill.

Vita: Rainer Reitzler

Rainer Reitzler , ­geboren 1964 in Coburg, Ausbildung zum Versicherungs- und ­Diplom-Kaufmann, ­nebenberufliche Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit dem Thema „Versicherungen für Senioren“.
Seit Februar 2007 ist er Vorstandsvorsitzender der Münchener Verein Versicherungsgruppe.

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