Zukunftsperspektiven im Handwerk -

Marktentwicklung in Metropolen Das Handwerk und die Großstadt

Die neue Studie des ifh in Göttingen analysiert Status und Zukunft des Handwerks in Hamburg – und beleuchtet damit auch die Situation der Betriebe in den Großstädten allgemein.

Themenseite: Zukunftsperspektiven im Handwerk

Das Hamburger Handwerk schöpft seine Potenziale nicht komplett aus“, sagt Dr. Klaus Müller. Das ist eine Erkenntnis einer jetzt veröffentlichten Studie des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk (ifh) in Göttingen zu Chancen und Risiken der hanseatischen Betriebe. Doch es geht dabei nicht nur um die Hafenstadt. „ Viele Erkenntnisse sind durchaus auf andere Großstädte in Deutschland übertragbar“, meint Müller.

Bereits bei der Situationsanalyse stellten die Göttinger Forscher immer wieder fest, dass viele Befunde auch für andere Metropolen gelten. So sind etwa die B1-Betriebe, also die zulassungsfreien Handwerke, hinsichtlich Umsatz und Mitarbeiteranzahl größer als im Umland, in Kleinstädten und in der Provinz. Es existieren weniger A-Betriebe bezogen auf die Einwohner als im Bundesdurchschnitt.

Handwerke für den privaten Bedarf wie etwa Friseure und Gesundheitshandwerke profitieren von Kaufkraft und Nachfrage – auch aus dem Umland. Gebäudereinigungen profitieren von hoher Behördendichte und vielen Industrieverwaltungen.

Steigende Flächenpreise sorgen dafür, dass besonders flächenintensive Betriebe ihre Standorte ins preiswertere Umland verlagern. Umgekehrt konkurrieren Metropolenbetriebe mit Firmen, die aus dem Umland auf den Großstadtmarkt drängen und wegen Kostenvorteilen aufgrund eines niedrigeren Personalkostenniveaus preiswerter anbieten können. Höhere Personalkosten in der Stadt verschärfen auch den Nachwuchs- und Fachkräftemangel. Insgesamt wird der Metropolenmarkt volatiler: hohe Abgangsraten, geringe Stabilität.

Die Forscher definierten sechs relevante Themenfelder für die Betriebe:

  • Stadtentwicklung
  • Technologie
  • Demografische Entwicklung
  • Wertewandel und Individualisierung
  • Umwelt und Klimaschutz
  • Europäisierung und Globalisierung

Jeden Bereich durchleuchtete man mit einer „SWOT“-Analyse. Dabei wurde untersucht, welche Stärken und Schwächen die Betriebe in den jeweiligen Bereichen aufweisen sowie welche Chancen (englisch Opportunities) sich eröffnen und welchen Bedrohungen (englisch Threats) die Firmen ausgesetzt sind. Für die Chancen und Risiken entwickelten die Forscher dann jeweils Handlungsempfehlungen für Betriebe.

Die beiden Aspekte Stadtentwicklung und Technologie stellen wir in diesem Artikel vor, die restlichen Themenfelder im zweiten Teil, den wir in der nächsten Ausgabe veröffentlichen.

Stadtentwicklung

Die Großstädte der Zukunft werden anders aussehen. Ihre Infrastrukturen werden sich hinsichtlich Kapazitäten, Wohnraumbedarf, Verkehr, Klimaresilienz, Energiegewinnung, und sogar Landwirtschaft verändern: „Die Betriebe erhalten die Chance, ihre Leistungen anzubieten, um den digitalen Um- und Ausbau der Städte mitzugestalten. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass es ihnen gelingt, sich die erforderlichen Kompetenzen anzueignen und ihre Produktions- und Geschäftsmodelle umzustellen.

Durch eine Reintegration der Betriebe in die urbanen Gebiete könnten zudem Schwierigkeiten minimiert werden, die sich aus langen Anfahrtswegen ergeben. Kürzere Wege für Kunden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie kürzere Anfahrtswege zum Einsatzort vermindern den logistischen Aufwand“, erläutert Klaus Müller.

Um in diesen künftigen Märkten erfolgreich zu agieren, empfiehlt die Studie die Etablierung von strategischen Ko­operationen, vor allem zwischen Kleinstbetrieben und Soloselbstständigen. Auch die Bildung von virtuellen und realen Gemeinschaften ist hilfreich: etwa Werkstattgemeinschaften, die Investitionen in Handwerkszentren und Gewerbehöfe, zum Beispiel im Rahmen von Genossenschaften, sowie der Ausbau von digitalen Communities (Online-Kundennetzwerke mit Club-Charakter).

Technologie

Für die Betriebe ergeben sich hier Chancen, ihre Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln, die Kosten aufgrund neuer Produktionsverfahren zu senken, sogar in Konkurrenz zu industriellen Produkten zu treten oder ergänzende Services oder Produktkomponenten für industriell gefertigte Baugruppen beizusteuern. Gleichzeitig können die Unternehmen mithilfe digitaler Technologien ihre Absatzmärkte ausweiten (Online-Vertrieb) oder den lokalen Kundinnen und Kunden, etwa durch die Vernetzung mit anderen Betrieben, integrierte Leistungen und somit zusätzliche Dienstleistungen anbieten.

Um Schritt zu halten, sollten die Unternehmer auch in diesem Bereich verstärkt Kooperationen eingehen. Gemeinsam mit Partnern aus Forschung und Wirtschaft lassen sich etwa Digitalisierungsprojekte oft besser umsetzen. Weiter sollten Betriebe ihre Online-Präsenz sichern und ausbauen sowie neue Angebote zur digitalen Kundenkommunika­tion etablieren.

Die Entwicklung einer Strategie zur Abgrenzung von industriellen Anbietern individualisierter Produkte, etwa durch die stärkere Betonung von Qualität und Beratung, wird an Bedeutung zunehmen. Auch der Ausbau der digitalen Schnittstellen zum Kunden und Vernetzung von Wertschöpfungsprozessen. Sicherstellen sollten die Betriebe die Interoperabilität zwischen den unterschiedlichen Systemen. Hier dürfte auf die Handwerksunternehmer in den nächsten Jahren immer deutlicher das Thema Integration ihrer Software zukommen.

SWOT Stadtentwicklung Die Chancen aus dem Umbau der Städte werden nicht genutzt

Die vorhandenen Chancen, die sich aus den veränderten Anforderungen an moderne Infrastrukturen (etwa hinsichtlich Kapazität, Klimaresilienz oder Energiegewinnung), Wohnraumbedarf und die zunehmende Vernetzung der einzelnen Komponenten des urbanen Raumes (Stichwort Smart City) ergeben, werden jedoch häufig noch nicht wahrgenommen, analysierten die Forscher.

Positiv Negativ
Interne Faktoren
Stärken
*  Voranschreitende Umsetzung von SmartCity-Lösungen
* Projekte zur digitalen Stadt und Stadtlabore (Digital City Science Lab,
hamburgfuturelab, Living Place Hamburg etc.)
*  Entstehung der MEISTERMEILE
Schwächen
* Hohe Grundstückspreise, Pacht- und Mietzahlungen  
* Planerische Restriktionen zur Ansiedlung von Betrieben
Externe Faktoren
Chancen
* Aneignung von Fachwissen und Erfahrung in Handwerksbetrieben im Zuge
der städtischen Digitalisierung
* Urban-Manufacturing-Ansätze
* Umbau zur vernetzten Infrastruktur
* Ökologischer Stadtumbau (z.B. Dachbegrünung, Regenwasser,
Gebäudetechnik, Solaranlagen)
* Verkehrsinfrastruktur von morgen (z.B. Lärmsanierung, Elektromobilität,
Verkehrsbeeinflussungsanlagen, Radwege, Lkw-Parkflächen)
Risiken
*  Fehlende Kompetenz in den Betrieben
*  Markteintrittsbarrieren durch digitale Komponenten
(Wartung, Reparatur komplexer Systeme)
* Sicherheitsrisiken bei SmartCity-Lösungen
*  Verdrängung in das Umland

ifh Göttingen

SWOT-Analyse Technologische Entwicklung Effektivitätsgewinne nutzen

Kein Handwerksbetrieb kann langfristig die zunehmende Digitalisierung der Geschäftsprozesse umgehen, wenn er weiterhin erfolgreich am Markt bestehen will, stellten die Forscher fest: Die Strukturen innerhalb der Betriebe verändern sich, die Produkte entwickeln sich weiter, und die Anforderungen der Kunden an Kommunikation, Produktgestaltung und Service erhöhen sich.

POSITIV NEGATIV
Interne Faktoren
Stärken
*  InnovationsAllianz Hamburg und Strategie Digitale Stadt
* Vielzahl an Forschungseinrichtungen und Transferstellen
* Strategieprogramm „handwerk und 3D-Druck“
Schwächen
* Teilweise Mängel in den Randbereichen des Stadtgebiets
hinsichtlich der Breitbandversorgung
Externe Faktoren
Chancen
* Erhöhte Markttransparenz
* Vergrößerter Absatzradius für Produkte
* Senkung von Transaktionskosten, Optimierung von Beschaffungs­prozessen, Identifizierung ineffizienter Betriebsabläufe
* Virtuelle Unternehmensverbände
* Verlust von Skalenvorteilen bei großen Konkurrenzbetrieben
* Neue Geschäftsmodelle
* Veränderte Arbeitsteilung der Industrie
Risiken
 * Geringe digitale Kompetenzen
* Eingeschränkte personelle und finanzielle Ressourcen
* Sicherheitsrisiken für Betriebe und Kunden
* Abhängigkeiten von Technologieanbietern
* Zunehmende industrielle Fertigung individualisierter Produkte

ifh Göttingen

Konsum wird individueller

„Bei den Einwohnerinnen und Einwohnern Hamburgs ist, wie in vielen Metropolen Deutschlands, mit überdurchschnittlich hohem und wachsendem Einkommen zu rechnen – ein wirtschaftliches Potenzial, das auch dem Absatz von Handwerksprodukten zugutekommen kann“, erläutert Dr. Klaus Müller, Geschäftsführer des Instituts für Mittelstand und Handwerk (ifh) an der Universität in Göttingen.

Das ist eine zentrale Prognose einer jetzt von seinem Institut veröffentlichten Studie zu Chancen und Risiken der hanseatischen Betriebe. Doch es geht dabei nicht nur um die Eigenheiten der norddeutschen Hafenstadt. Im ersten Teil der dreiteiligen Serie setzten wir uns mit den beiden Bereichen Stadtentwicklung und technologische Entwicklung auseinander. In diesem zweiten Teil der Serie geht es um die eher weicheren Faktoren wie die demografische Entwicklung und die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft sowie der allgemeine Wertewandel in den Metropolen.

Die Stadtbevölkerung altert

Die Stärken der Stadt, die als urbanes Zentrum eine starke Anziehungskraft auf junge und kreative Menschen ausübt und in den nächsten Jahren einem Bevölkerungsanstieg entgegensieht, in Verbindung mit der proaktiven Herangehensweise der Stadt u.a. durch die Entwicklung eines Demografiekonzeptes, eröffnen dem Handwerk Zukunftschancen, die es zu ergreifen gilt, heißt es in der Studie.

Dazu gehöre, die voranschreitende Alterung der Bevölkerung als Chance zu sehen, und die angebotenen Produkte und Dienstleistungen auf die Bedürfnisse dieser Zielgruppe anzupassen, auch unter Zuhilfenahme neuer technischer Entwicklungen, beispielsweise im Bereich des „Ambient Assisted Living (AAL).
Demgegenüber stehen jedoch Risiken, warnt der Forscher, die sich vor allem aus der niedrigen Geburtenrate und der alternden Belegschaft der Betriebe ergeben. Einerseits fehle es den Betrieben (auch aufgrund der geringen Geburtenrate) an Auszubildenden. Andererseits verlassen die Jugendlichen, die für eine Ausbildung gewonnen werden, nicht zuletzt aufgrund besserer Verdienstmöglichkeiten in der Industrie nach Abschluss der Ausbildungszeit zu großen Teilen das Handwerk. Gleichzeitig gehe mit dem altersbedingten Ausscheiden von langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Berufsleben ein großer Teil des über die Jahre angesammelten Erfahrungswissens verloren.

Die Unterschiede werden größer

Der gesellschaftliche Wandel hin zur individuellen Ausgestaltung von Lebensstilen und – bei bestimmten Bevölkerungsgruppen – hin zu einer wachsenden Betonung nachhaltiger Aspekte schaffe überwiegend Chancen für die Hamburger Handwerksbetriebe, freut sich Müller. Die im Handwerk meist traditionell regionalisierte Wertschöpfung sowie die Konzentration auf Qualitätsarbeit und individualisierte Produkte haben das Potenzial, die in Hamburg überdurchschnittlich stark vertretenen Kundenkreise mit hohem Einkommen noch stärker an das lokale Handwerk zu binden. Eine gute Nachricht.

Im Bereich der Gewinnung und Bindung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern könne die hohe Sinnhaftigkeit und Ergebnisorientierung handwerklicher Tätigkeiten für potenzielle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein wichtiges Entscheidungskriterium sein. Demgegenüber stehen jedoch auch Risiken, die sich aus den steigenden Anforderungen der (potenziellen) Beschäftigten an die Aufstiegs- und Karrieremöglichkeiten und aus den tendenziell höheren Bildungsabschlüssen (Anstieg der Abiturienten- und Studierendenraten) ergeben. Zudem erschwert die erhöhte Mobilität der Bevölkerung (in ihrer Wohnstandortwahl) eine langfristige Bindung der Kundinnen und Kunden.

Unterschiedliche Szenarien

Für das Handwerk sind die Veränderungen hinsichtlich der nachgefragten Produkte und Dienstleistungen von besonderer Bedeutung. Denn die Gruppe der über 65-Jährigen wächst zahlenmäßig als auch im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung. Inwieweit diese Bevölkerungsgruppe als eine homogene Nachfragegruppe gesehen werden kann, sei allerdings fraglich. Sowohl die Heterogenität der Lebensentwürfe und finanziellen Kapazitäten als auch gesundheitliche Einschränkungen können zu sehr unterschiedlichen Bedarfen an Handwerksleistungen führen. Die Forscher gehen deshalb von zwei Zielgruppen aus:

Die Anzahl der Menschen, die auf altersgerechte und in zunehmendem Maße auch barrierefreie Produkte angewiesen ist, werde in Zukunft zunehmen. Aktivitäten in den Bereichen Aus- und Umbau des Wohnumfeldes und der Pflegeinfrastruktur seien verstärkt zu erwarten. 

Parallel zu dieser Entwicklung wächst aber auch die Gruppe der über 65-Jährigen, die sowohl körperlich als auch geistig leistungsfähig ist und auch über eine gute Altersvorsorge verfügt. Diese „Silver Ager“ gilt es als Zielgruppe für hochwertige Handwerksprodukte und -leistungen zu gewinnen. Auch die Individualisierung der Lebensentwürfe in allen Altersschichten spielt eine Rolle: So schaffen beispielsweise steigende Haushaltszahlen, vorwiegend bedingt durch eine Zunahme der Ein- und Zwei-Personen-Haushalte, eine erhöhte Nachfrage nach haushaltsbezogenen Leistungen. Steigende Einkommen, bessere Bildung, soziale Sicherheit, die Digitalisierung und veränderte Freizeitmöglichkeiten in Verbindung mit wachsender Mobilität führen zu größeren Handlungsspielräumen, die zu individuellerem Konsum führen. Daraus ergeben sich neue Betätigungsfelder für das Handwerk. Dazu haben die Forscher vier Thesen aufgestellt: 

  • These 1: „Der anhaltende Trend zur verstärkt individuellen Ausgestaltung von Lebensentwürfen drückt sich auch im Konsumverhalten der Kunden aus. In Verbindung mit neuen Formen der Kommunikation, Produktion und Distribution werden die Anforderungen an die Individualität von Produkten und Dienstleistungen zunehmen. Dabei müssen Handwerksleistungen zunehmend individuell erbracht werden.“ 
  • These 2: „Das Handwerk mit seinem engen Kundenkontakt kann die Kundenwünsche erfassen und bei Auswahl und Kombination von Produkten seine Expertise einbringen. Einerseits fordert der Kunde individuell anpassbare Produkte. Andererseits fehlt ihm häufig das Fachwissen, um die vielfältigen Möglichkeiten optimal auszuwählen und zu kombinieren (zum Beispiel hinsichtlich Ästhetik oder technischen Fragestellungen).“ 
  • These 3: „Die fortschreitende Alterung der Gesellschaft und der damit verbundene längere Verbleib der Menschen in ihrem privaten Wohnumfeld wird die Nachfrage nach Handwerksprodukten, baulichen Anpassungen, handwerklichen Dienstleistungen und integrierten Angeboten, die speziell auf die Bedürfnisse älterer Menschen abgestimmt sind, weiter erhöhen.“
  •  These 4: „Insbesondere die Altersgruppe der etwa 65- bis 80-Jährigen verfügt teilweise über große finanzielle Mittel, ist gesund und leistungsfähig und kauft qualitätsbewusst ein. Diese Gruppe ist besonders affin für die qualitativ hochwertigen, handwerklichen Produkte der regionalen Betriebe.“

Konkrete Maßnahmen ergreifen

Um diese Chancen umzusetzen, schlagen die Forscher des ifh Göttingen in ihrer Studie den Betrieben folgende konkrete Maßnahmen vor:

  •  Erschließung neuer Marktsegmente: Altersgerechte Produkte und Dienstleistungen, hochindividualisierte Produkte und Beratungsdienstleistungen.
  •  Kontakte zwischen Betrieben, Akteuren und Kunden: Intensivierung des Kontakts zwischen Seniorinnen und Senioren, Handwerksbetrieben sowie weiteren Akteuren (Sozialkassen, Heimleitungen, Pflegediensten etc.) zur zielgruppengerechten Ausgestaltung von Angeboten.
  •  Netzwerke für integrierte Leistungen: Aufbau von Unternehmensnetzwerken zur Erbringung integrierter Leistungen „aus einer Hand“.
  •  Zusammenarbeit mit Sozialkassen stärken: Intensivierung der Zusammenarbeit, Initiierung von Pilotprojekten zur Integration von Handwerksbetrieben in Gesundheitszentren.

SWOT Demografische Entwicklung Dienstleistungen für eine alternde Gesellschaft

Die Stärken der Stadt als urbanes Zentrum, das eine starke Anziehungskraft auf alte wie junge Menschen ausübt und in den nächsten Jahren einem Bevölkerungsanstieg entgegensieht, eröffnen dem Handwerk deutliche Zukunftschancen.

POSITIV NEGATIV
Interne Faktoren
Stärken
* Positive Bevölkerungsprognose
* Ausbildungszuwanderung
*  Proaktive Herangehensweise an den demografischen Wandel,
etwa mit dem Hamburger Projekt „Hamburg 2030: Mehr. Älter. Vielfältiger.“
Schwächen
*
 Fach- und Nachwuchskräfteengpässe
*  Besonders hohe Lohnspanne zwischen Handwerk und Nicht-Handwerk
*  Vergleichsweise schwache Umsatzentwicklung
Externe Faktoren
Chancen
* Urbane Zentren mit steigenden Einkommen, Einwohner und Haushaltszahlen vergrößern das Absatzpotenzial
*  Produkte und Dienstleistungen für eine alternde Gesellschaft wie etwa „Ambient Assisted Living“
*  Intelligente Produkte / Hybride Produkte
*  Neue Impulse durch Rekrutierung von Frauen, Migrantinnen und Migranten, Studienabbrecherinnen und Studienabbrechern sowie einen Generationswechsel im Handwerk
Risiken
*  Sinkendes Arbeitskräftepotenzial
*  Unsichere Betriebsnachfolgesituationen
*  Alternde Mitarbeiter
*  Verlust von Erfahrungswissen

ifh Göttingen

Vom Umbau der Städte profitieren

Die Veränderungen im Umwelt- und Klimaschutz gehen stark mit technischen Neuerungen und der Umgestaltung von Infrastrukturen einher“, erläutert Dr. Klaus Müller, Geschäftsführer des Instituts für Mittelstand und Handwerk (ifh) an der Universität in Göttingen. Das sei speziell in den Bereichen Verkehr, Abwasser oder Energie sichtbar. Daraus würden sich für die Handwerksbetriebe in den Metropolen vielfältige Chancen ergeben, zusätzliche Aufträge zu erhalten, bei denen der Umwelt- und Klimaschutz die Triebkraft für öffentliche und private Investitionen ist, sagt der Forscher.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie analysiert das ifh Chancen und Risiken der Betriebe in Hamburg. Doch viele der Ergebnisse sind auch auf andere bundesdeutsche Großstädte übertragbar. Etwa bei Umwelt und Klimaschutz. Exemplarisch sehen die Forscher hier den Umbau der Energieinfrastruktur: etwa die Installation dezentraler Anlagen sowie den Einbau von Speichermöglichkeiten und Solarmodulen bei privaten, öffentlichen oder gewerblichen Kunden. Handwerksbetriebe könnten Marktchancen erschließen, wenn sie vermehrt auf die Verwendung von nachhaltigen Materialien (z.B. Holz) umsteigen und auf die Nachhaltigkeitsaspekte ihrer Produkte hinweisen. Mittelfristig böten sich zudem Möglichkeiten im Feld der E-Mobilität durch die (staatlich geförderte) Umstellung von Unternehmensfuhrparks.

Energiewende bleibt relevant

Neben diesen vielfältigen Chancen ergeben sich jedoch auch Risiken. Vor allem, wenn es den Handwerksbetrieben nicht gelingt, Umweltschutzmaßnahmen kostenneutral umzusetzen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Thematik des Umweltschutzes zu sensibilisieren. Umweltschädigende Verfahren und Abläufe werden kurz- und mittelfristig sowohl negative Konsequenzen am Markt nach sich ziehen als auch, im schlimmsten Fall, die Schließung von Betrieben zur Folge haben.

Um die zu erwartenden Entwicklungen im Themenbereich Umwelt- und Klimaschutz positiv für das Handwerk umsetzen zu können, wurden folgende Handlungsoptionen abgeleitet. Dabei geht es einerseits um die Vermarktung der angebotenen Dienstleistungen und Produkte und andererseits um die erfolgreiche Nutzung von Marktpotenzialen, die sich bereits heute als auch in Zukunft aus den politischen Weichenstellungen ergeben:

  • Austausch: Kommunikation von Erfahrungsberichten und Ergebnissen der bisher durchgeführten Pilotprojekte.
  • Marketing: Kommunikation von Nachhaltigkeitsaspekten regionaler Handwerksprodukte.
  • E-Mobilität: Schrittweise Umstellung auf die Nutzung von E-Fahrzeugen für Fahrten im innerstädtischen Bereich.
  • Zertifizierungen: Ausweitung der regionalen Zertifizierung von Handwerksbetrieben mit nachhaltigen Produkten, Dienstleistungen oder Betriebsabläufen.

Export bleibt Chance

Die Forscher gehen davon aus, dass die handwerklichen Umsätze, die im überregionalen oder internationalen Rahmen erzielt werden, längerfristig an Bedeutung gewinnen. Chancen böten sich hauptsächlich in der Erweiterung des Absatzradius für die eigenen Produkte sowie in internationalen Kooperationsmöglichkeiten, die den Betrieben das Erschließen neuer Märkte erleichtern. Der interkulturelle Austausch und die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in die Betriebe können zudem deren Innovationskraft fördern und die Entstehung neuer oder ergänzender Produkte und Dienstleistungen nach sich ziehen.

Doch die Konkurrenz durch internationale Anbieter und zugezogene Arbeitskräfte, vor allem in den zulassungsfreien Handwerksberufen, ist kurz- und mittelfristig ein weiteres Risiko für das Handwerk. Der meist damit verbundene Preisrückgang geht nicht selten zulasten von Qualität, sozialer Sicherung und Qualifizierungsanreizen. Die Attraktivität des lokalen handwerklichen Absatzmarktes verschärft dieses Problem, da die Großstädte für ausländische Handwerksunternehmen auch in Zukunft ein attraktives und logistisch gut erreichbares Ziel darstellen.

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