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Customized Videos: Der Dreh mit vorbereiteten Zutaten

Ihr Budget lässt die Produktion eigener Videofilme nicht zu? Mit Partnern aus der Industrie oder dem zahlreich vorhandenen Material professioneller Anbieter kann jeder vorzeigbare Filme bieten.

Topic channels: TS Videomarketing, TS Social Media und TS Urheberrecht

Die Premiere für den Imagefilm des Autohauses Mahnerfeld aus Löhne war großes Kino. Wurde der Streifen doch auf der AIDA präsentiert – bei einer exklusiven Kreuzfahrt des Fahrzeugteilehändlers Wessels + Müller (WM) für verdiente Kunden. In zwei Minuten lernte das Publikum das Leistungsspektrum der Werkstatt kennen. Die wichtigste Information aber erhielten die Premierengäste nach der Vorführung von Temel Bulut: „Die Produktion hat uns keinen Cent gekostet“, erklärte der für Einkauf und Vertrieb zuständige Mitgeschäftsführer des Löhner Handwerksbetriebes.

Mit der Kurzfilm-Vorstellung auf hoher See wurden die anwesenden Inhaber und Geschäftsführer freier Werkstätten auf das von Wessels + Müller geplante Projekt „Werkstatt-Tube“ eingestimmt – eine Video-Marketingkampagne für das Kfz-Handwerk.„Wir geben damit unseren strategischen Kunden die Möglichkeit, kostenlos einen Imagefilm zu produzieren“, fasst WM-Mitarbeiter Benedikt Bröcker das bis heute gültige Angebot zusammen.

Studien und eigene Erfahrungen zeigten, dass Videos in den Trefferlisten der Suchmaschinen von Nutzern immer häufiger angeklickt, in sozialen Netzwerken gern geteilt und von Suchmaschinen mit besseren Platzierungen belohnt würden. Allerdings sei die Zahl der freien Werkstätten, die über eigenes Videomaterial verfügten, gering.

Clips nach dem Baukastenprinzip

Die im Frühjahr 2014 eröffnete Aufholjagd wird dank eines Produktionssystems möglich, das die Hamburger Spezialagentur Wonderlandmovies entwickelt hat. „Die inhaltliche Basis für die entstehenden Filme bilden vorgefertigte ,Videoschnipsel‘, gesprochene Kommentare sowie Layouts für Texteinblendungen“, erklärt Jan-Till Manzius von Wonderlandmovies. Diese Bausteine würden „entsprechend dem Leistungsspektrum der jeweiligen Werkstatt in den späteren Film einmontiert“, erläutert der Agenturgründer. Die Auswahl orientiere sich an den bei Wessels + Müller hinterlegten Firmendaten. „Jeder Partner hat die Möglichkeit, diese vorab mithilfe einer App zu aktualisieren“, ergänzt Manzius. Schon durch diese Differenzierung der Standardbausteine entstehe ein erstes unterscheidbares Profil.

Darüber hinaus werden in jeder Firma mehrere Szenen individuell gedreht. „Bei Pilotfilmen wie zum Beispiel für das Autohaus Mahnerfeld war zu diesem Zweck ein Profiteam vor Ort“, erläutert WM-Mitarbeiter Bröcker, „bei den serienmäßigen Produktionen übernahmen unsere Außendienstmitarbeiter, die vorher von der Agentur dafür geschult worden waren, diesen Part.“ Dafür wurden die Verkäufer mit einer internettauglichen Kamera ausgestattet, von der aus die individuell produzierten Szenen direkt auf einen Server hochgeladen werden können.

Software generiert eigenen Film

„Eine Software generiert aus diesem Material, den vorgefertigten Bausteinen sowie den Informationen aus der Kundendatenbank den individuellen Film“, ergänzt Bröcker. Dieser könne „bei guter Internetverbindung bereits nach wenigen Minuten heruntergeladen und für das firmeneigene Marketing frei verwendet werden“. Zugleich werde der Streifen auf der eigens von dem Kfz-Teile-Grossisten geschaffenen Plattform werkstatttube.de hinterlegt.

Mehr als 700 filmische Porträts haben sich dort seit dem Start des Projektes im Frühjahr 2014 bereits angesammelt. „Das Portal kann von Besuchern deshalb auch als Werkstatt-Suchmaschine genutzt werden“, verweist Bröcker auf einen entscheidenden Mehrwert.

Immer mehr Partner des Handwerks entdecken wie Wessels + Müller die Potenziale bewegter Bilder – und unterstützen Betriebe dabei, damit auf sich aufmerksam zu machen. So veröffentlichte der Farben- und Bautenschutzspezialist Caparol im Sommer den Kurzfilm „Helden des Alltags“, der das Fachhandwerk als Rückgrat der deutschen Wirtschaft in Szene setzt. „Interessierte Unternehmen können das Video kostenlos für ihr Marketing nutzen“, unterstreicht der Leiter Kundenkommunikation, Tobias Becker, „und im Abspann sogar mit ihren eigenen Firmendaten versehen“. „Auf Wunsch kann das auch die von uns beauftragte Produktionsfirma für 99 Euro übernehmen“, so Becker.

Film-Hit für die Bäcker

Zu einem echten Hit avancierte in den vergangenen Jahren die Hymne des Deutschen Bäckerhandwerks. Das zur Nachwuchsgewinnung produzierte Video wurde allein auf Youtube fast eine halbe Million Mal angeschaut. Die Ende 2013 veröffentlichte Version mit dem Rapper Kid Millenium bringt es nochmals auf fast 90 000 Abrufe. „Hinzu kommen zahllose Klicks auf unserem Nachwuchsportal back-dir-deine-zukunft.de oder auf Facebook“, ergänzt Susanne Fauck von der Werbegemeinschaft des Bäckerhandwerks. Mitglieder der Bäckerinnungen können das mit dem Internationalen Wirtschaftsfilmpreis 2014 prämierte Stück kostenfrei für ihre Internet- und Facebook-Auftritte oder auch in Geschäften nutzen. „Viele machen davon Gebrauch, aber die Möglichkeiten werden noch lange nicht ausgeschöpft“, konstatiert Susanne Fauck.

Für Handwerksunternehmen lohnt sich in jedem Fall ein Blick auf das Videomaterial, das Verbände, Händler und Zulieferer an Bewegtbildern bereithalten. Viele Hersteller haben zum Beispiel Erklär- und Werbefilme für ihre Produkte entwickelt, die Anwendern einen hohen Nutzwert bieten. Oft ist es vonseiten der Anbieter nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht, dass Weiterverarbeiter oder Vertriebspartner wie zum Beispiel Handwerksunternehmen dieses Material für ihre Kundenkommunikation nutzen.

„Allerdings dürfen Unternehmer dieses Nutzungsrecht nicht einfach unterstellen, sondern müssen sich darüber vergewissern“, mahnt der Mainzer Rechtsanwalt Niklas Plutte zur gründlichen Recherche (siehe Seite 41). Eine weitere interessante Quelle sind sogenannte Footage-Datenbanken im Internet, die Videosequenzen und Geräusche gegen ein Entgelt zur Nutzung anbieten. Firmen sparen mit diesem Service „nicht nur Kosten und Zeit bei der Produktion ihrer Videos“, wie Markus Hein, Geschäftsführer der Plattform clipdealer.com, betont. „Sie kommen auch an Motive, die sich nicht ohne Weiteres reproduzieren lassen, etwa bestimmte Tieraufnahmen, Lichtstimmungen oder Zeitlupen.“ Die Aufnahmen im Clipdealer-Archiv stammten überwiegend von Profis. „Viele Clips sind überschüssiges Material aus anderen Drehs“, so Hein, „immer mehr werden aber eigens für unsere Zwecke produziert“. Darüber hinaus punkte Clipdealer mit einem Verzicht auf eine Quellenangabe sowie dem inklusiven Nutzungsrecht für soziale Netzwerke.

Wie wichtig diese im Videomarketing sind, weiß Temel Bulut nur zu gut: „Wir haben nach der Fertigstellung unseres Imagefilms eine Werbekampagne über Facebook geschaltet. Daraufhin haben mehr als 6000 Leute unser Video angeschaut und es über 2000-Mal mit anderen geteilt.“ Das Schönste aber seien die vielen freundlichen Kommentare wie „Immer nett und freundlich“ oder „Super Mitarbeiter“. Temel Bulut: „Das erleichtert es nicht nur Neukunden, sich für uns zu entscheiden. Es bringt auch neue Motivation fürs ganze Team.“

Urheberrecht: Diese Regeln müssen Sie beachten

Bei der Nutzung von Fremdmaterial für das eigene Videomarketing sind viele sensible Fragen des Urheber- und Markenrechts berührt. Fachanwalt Niklas Plutte hat die wichtigsten Vorgaben für Unternehmer zusammengestellt.

Einwilligung vor Nutzung. Dieser Grundsatz gilt für jede Art von Veröffentlichungen. Andernfalls drohen teure Abmahnungen. Wichtig ist, dass das erteilte Nutzungsrecht alle Facetten der beabsichtigten Nutzung abdeckt und nicht zum Beispiel für das betreffende Medium, die Zeit, die Zielgruppe oder den Verwendungszweck eingeschränkt ist.

Streaming-Dienste. Das Einbetten von Videos aus Streaming-Portalen wie Youtube ist ohne besondere Einwilligung des Rechteinhabers erlaubt. Voraussetzung: Das Video darf keiner neuen Zielgruppe zugänglich gemacht werden, die mit dem Portal nicht ohnehin erreicht wird.

Social-Media-Verwendung. Die Lizenzbedingungen vieler Clip- oder Footage-Archive verbieten die Weitergabe von Rechten an Dritte. Prüfen Sie die Vorgaben der Quellen, von denen Sie Clips beziehen, genau! Einige Stock-Archive vergeben für die Verwendung in sozialen Netzwerken Extra-Lizenzen, teils gegen Gebühr. Einige wenige erlauben sie sogar ohne weitere Bedingungen.

Kennzeichnung. Clip-Archive legen ganz individuell fest, mit welchem Wortlaut, teils auch in welcher Größe, welcher Dauer und an welcher Stelle die Quellenangabe vorzunehmen ist. Die exakte Umsetzung der Geschäftsbedingungen ist deshalb bei der Erstveröffentlichung und auch Archivierung unerlässlich.

Den richtigen Clip finden

Video-Archive wie clipdealer.com, framepool.com oder shutterstock.com bieten Material für jeden Einsatzzweck. Vier Tipps für die Suche:

1. Datenbank auswählen. Geben Sie in Suchmaschinen die Begriffskombinationen „footage video“ oder „videoclips rechtefrei“ (jeweils ohne Anführungszeichen) ein. So erhalten Sie eine Übersicht entsprechender Portale.

2. Suchbegriffe definieren. Beginnen Sie Ihre Suche mit einem allgemeinen Begriff wie etwa Holz oder Bau. So bekommen Sie ein Gefühl dafür, wie viel Material zu Ihrem Themengebiet beim jeweiligen Anbieter vorliegt. Grenzen Sie Ihre Suche dann Schritt für Schritt ein.

3. Fachbegriffe meiden. Verzichten Sie auf Fachwörter und verwenden Sie stattdessen gängige Begriffe aus dem Alltag. Denn die für die Suche maßgeblichen Schlagwörter werden in den meisten Fällen von Laien vergeben, die kein Spezialwissen zum Thema haben.

4. Perspektive festlegen. Geben Sie Zusatz­informationen wie „abends“, „Zeitlupe“ oder „Luftaufnahme“ ein, wenn es auf Stimmungen, Farbtöne und Perspektiven ankommt. Viele Datenbanken haben solche Felder zum Anklicken.

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