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Brexit Welche Folgen das Handwerk befürchtet

Für die Börsen bedeutete der Brexit, der in den frühen Morgenstunden des 24. Juni amtlich wurde, ein neuer "schwarzer Freitag". Wie "schwarz" die Zukunft Europas und Deutschlands mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU wird, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Doch viele Experten fürchten negative Auswirkungen - auch aufs Handwerk.

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Das Vereinigte Königreich ist die drittgrößte Handelsmacht in Europa und einer der wichtigsten Exportpartner Deutschlands. Der deutsche Handelsbilanzüberschuss gegenüber Großbritannien liegt bei mehr als 50 Milliarden Euro. Beide Staaten sind wirtschaftlich eng verbunden: rund 2.500 deutsche Unternehmen unterhalten Niederlassungen auf der Insel, umgekehrt gibt es rund 3.000 britische Firmen in Deutschland.

Einführung von Zöllen und höhere Personalkosten?

Jürgen Schäfer, Geschäftsführer von Handwerk International Baden-Württemberg, sieht durch den Brexit den freien Zugang zum Binnenmarkt versperrt und befürchtet, wie viele andere Experten, dass z.B. wieder Zölle eingeführt werden: "Die Arbeitnehmerfreizügigkeit und Investitionsschutzregelungen würden in Frage gestellt. Unklar ist die Situation für unsere Handwerksbetriebe: Lieferungen müssten nach Einführung von Zöllen eigentlich teurer werden, ob Montagen wegen erhöhter Personalkosten auch teurer würden ist noch offen. Der wichtige Markt für Handwerksbetriebe im hochwertigen Innenausbau im Großraum London könnte zum Teil wegbrechen."

Auch die Handwerkskammer für Schwaben sieht dieses Votum mit Sorge. Ulrich Wagner, der Hauptgeschäftsführer der HWK Schwaben hat die wirtschaftliche Dimension für unsere Region im Blick. „Großbritannien ist zweitgrößter Handelspartner in Bayern und das werden die Unternehmen zu spüren bekommen, denn deutsche Waren werden künftig in UK teurer werden. Das britische Pfund ist ja bereits eingebrochen. Im Handwerk arbeiten viele Firmen, speziell aus dem Metallbereich, als verlängerte Werkbank der Industrie und daher hat ein Ausstieg Großbritanniens aus der EU Folgen in Form von Umsatzeinbrüchen bzw. erschwerter Geschäftsabwicklung.“

Viele Branchen werden betroffen sein

Grundsätzlich sind die Konsequenzen eines Austritts des Vereinigten Königreichs nur schwer absehbar, da es dafür kein historisches Vorbild gibt. Hunderte Verträge müssten neu verhandelt und die geschäftlichen Beziehungen auf eine ganz neue Grundlage gestellt werden. Doch viele Branchen melden sich bereits jetzt mit ihren Befürchtungen zu Wort. Kein Wunder, ist Großbritannien doch bei vielen einer der Hauptabsatzmärkte.

So fürchten beispielsweise Deutschlands Maschinenbauer um einen ihrer wichtigsten Exportmärkte. Laut Angaben des Branchenverbandes VDMA lieferten deutsche Hersteller im vergangenen Jahr Maschinen im Volumen von 7,2 Milliarden Euro nach Großbritannien und sei damit der wichtigste Maschinenlieferant Großbritanniens. 20,6 Prozent der importieren Maschinen kamen demnach 2015 aus Deutschland.

Ähnlich sieht es in der Automobil- und Elektroindustrie aus: Jedes fünfte in Deutschland produzierte Auto geht nach Angaben des Branchenverbandes VDA ins Vereinigte Königreich. Autos deutscher Konzernmarken haben danach auf der Insel einen Marktanteil von gut 50 Prozent. BMW verkaufte in Großbritannien im vergangenen Jahr 236 000 Autos - das waren mehr als zehn Prozent des weltweiten Absatzes. Bei Audi waren es neun, bei Mercedes acht und beim VW-Konzern insgesamt sechs Prozent.

Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts sehen sich besonders viele Firmen der Elektroindustrie vom Brexit betroffen (52 Prozent). Das Vereinigte Königreich ist der viertwichtigste Abnehmer für Elektroprodukte "Made in Germany" weltweit und der drittgrößte Investitionsstandort für die Unternehmen im Ausland. Dem Branchenverband ZVEI zufolge lieferten deutsche Hersteller im vergangenen Jahr Elektroprodukte im Wert von 9,9 Milliarden Euro nach Großbritannien.

Höhere Kosten für die Steuerzahler?

Auch der Bund der Steuerzahler Deutschland e.V. hält den Brexit für einen "bitteren Moment für ganz Europa". Präsident Reiner Holznagel, befürchtet , dass "diese Entscheidung nicht nur Großbritannien, sondern allen EU-Staaten teuer zu stehen kommen wird".

Der Brexit werde kostspielig für die Steuerzahler: "Denn alle anderen Mitglieder müssen künftig das ausgleichen, was Großbritannien als bislang drittgrößter Nettozahler leistet. Der britische Beitrag entspricht mit rund fünf Milliarden Euro in etwa dem, was allein das krankende EU- und Euro-Mitglied Griechenland pro Jahr netto aus dem EU-Haushalt erhält.   Wir Steuerzahler in Deutschland dürfen also mit Zusatzbelastungen rechnen. Gleichzeitig sind negative Auswirkungen auf das deutsche Wirtschaftswachstum und damit auch die Steuereinnahmen zu erwarten. Somit wird der Brexit gleich in doppelter Hinsicht Spuren in den öffentlichen Kassen hinterlassen."

Holznagel sagt aber auch: "Europa hat jetzt die Chance, Lehren aus dem Brexit zu ziehen, sich neu zu definieren und zu reformieren, um das Vertrauen der Bürger und Steuerzahler zurückzugewinnen.“

Brexit“-Hotline für Handwerksbetriebe aus der Region Leipzig

Die Handwerkskammer zu Leipzig steht Unternehmen in dieser unübersichtlichen Situation zur Seite und hat unter Tel.: (0341) 2188-301 eine Telefonhotline für Handwerks-betriebe aus dem Kammerbezirk Leipzig geschaltet. Unternehmen, die von „Brexit“-Auswirkungen betroffen sind – beispielsweise weil ihre Geschäfte unter der Abwertung der Inselwährung leiden –, stehen die Betriebsberater der Handwerkskammer als Ansprechpartner zur Verfügung, um gemeinsam Lösungswege zu finden.

Auch bei den Themen Zölle, Handelsbeschränkungen und Entsendung von Mitarbeitern offerieren die Außenwirtschaftsexperten Rat und Unterstützung.

Die Hotline ist werktags von 7 bis 18 Uhr besetzt.

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