Politik -

Bildungssystem: „Das duale System ist in Gefahr“

Der zunehmende Akademisierungswahn unserer Gesellschaft gefährdet die Zukunft unseres Industriestandorts, meint der Philosoph, Professor und ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin.

Ein diesiger Freitagnachmittag. Ludwig-Maximilians-Universität München, Dekanatsgang, Lehrstuhl für Philosophie: Julian Nida-­Rümelin kommt direkt von einem Kongress in Innsbruck. Thema: Bildungssystem. Da sind wir gleich beim Grund des Interviews. 

Was läuft im Augenblick falsch im deutschen Bildungssystem?

Wir haben seit etwas mehr als zehn Jahren eine fast explosionsartige Zunahme der Quote derjenigen, die eine Hochschulberechtigung haben – besonders deutlich ist das in den Großstädten. Die Bildungsforscher haben sich immer gewundert, dass sich seit Ende der 70er-Jahre bis Ende der 90er-Jahre so wenig geändert hat, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern der Welt. Die Erwartung war, dass auch Deutschland aufschließt. Auf Länder wie etwa Großbritannien und die USA. Beide mit sehr hohen Akademikerquoten. Großbritannien hat mit 30 Prozent über alle berufstätigen Jahrgänge hinweg etwa die doppelte Akademikerquote wie Deutschland, das auf 16 Prozent kommt.

Was hat sich jetzt verändert?

Eine hohe Akademikerquote ist in Deutschland lange Zeit nicht eingetreten, trotz stetiger, jedes Jahr wiederholter Ermahnungen seitens der OECD. Jetzt ist eingetreten, was lange Zeit erhofft wurde. Und viele bekommen zu Recht einen Schreck, weil sich immer deutlicher abzeichnet, dass ein massiver Mangel an Nachwuchs, an Lehrlingen und nicht-akademischen Fachkräften, vor allem in Handwerk und Technik, aber auch in sozialen Berufen wie Kinderbetreuung und Altenpflege, eintreten wird.

Andererseits könnte man entgegenhalten: Wir sind Exportweltmeister mit einer Domäne im Maschinenbau. Aus dieser Perspektive könnte uns doch daran gelegen sein, wenn wir ein möglichst hohes Ausbildungsniveau haben?

Das Gegenteil ist der Fall. Gerade weil Deutschland über einen hohen Anteil verarbeitendes Gewerbe verfügt, braucht dieses Land Handwerker und Techniker, generell nicht-akademische Fachkräfte im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Natur- und Ingenieurwissenschaft und Technik) in höherem Maße als die Dienstleistungs-Ökonomien mancher anderer westlicher Länder. Im Vergleich zu Frankreich ist das verarbeitende Gewerbe hier etwa dreimal so stark. Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt liegt in Frankreich und in Großbritannien gerade bei 10 Prozent, bei uns bei etwa 30 Prozent. Die wirtschaftliche Dynamik wird davon geprägt. Deshalb brauchen wir in diesem Bereich besonders viele Fachkräfte. Wenn der Trend anhält, lässt sich dieser deutsche Sonderweg, nämlich nach wie vor genuines Industrieland zu sein, nicht aufrechterhalten.

Fehlen nicht in erster Linie Ingenieure?

Es ist mittlerweile umstritten, ob wir künftig noch einen Mangel an Ingenieuren haben werden. Das Deutsche Institut für Wirtschaft (DEW) hat errechnet, dass dieser Mangel sehr rasch behoben sein wird, dass also kein Engpass mehr droht. Dagegen bekommen wir in den nicht akademischen MINT-Berufen einen dramatischen Engpass. Das Bundesinstitut für berufliche Bildung hat in einer Studie ermittelt, dass zwischen 2010 und 2030 ein Defizit von 4,7 Millionen Stellen in der Facharbeiterschaft entsteht.

Kann die Zuwanderung das lösen?

Dieser Faktor ist sehr schwer einzuschätzen: Bei Einwanderung und Auswanderung sind die Ausschläge extrem stark. Wir hatten im Gefolge der letzten Weltwirtschaftskrise eine völlige Veränderung, die gar nicht so recht wahrgenommen wurde: Die Arbeitsmigration nach Deutschland hat sich gewandelt. Während vorher die Arbeitsmigration unter dem Qualifizierungsniveau der Deutschen lag, hat sich das jetzt umgedreht. Wir bekommen sehr viele Hochqualifizierte. In beiden Bereichen: Akademiker wie Nicht-Akademiker, auch hochqualifizierte Nicht-Akademiker. Man könnte sagen, aus deutscher Sicht ist das wunderbar, und könnte hoffen, dass das so anhält. Aber aus europäischer Sicht ist das auch Ausdruck einer Katastrophe. Denn das heißt, dass etwa Länder wie Spanien oder Italien gegenwärtig die besten Köpfe verlieren. Und die möglicherweise nie mehr zurückkehren. Wir können unser Bildungssystem und unseren Arbeitsmarkt langfristig nicht darauf stützen, dass es den südlichen europäischen Ländern schlecht geht.

Wenn die Entwicklung so bleibt, wie kann man sich die Situation in fünf Jahren vorstellen?

Wenn sich der jetzige Trend so fortsetzt, wäre das duale System als Ganzes gefährdet und vermutlich nicht überlebensfähig. Wir hatten über Jahrzehnte, auch über die große sogenannte Bildungsexpansion Mitte der 60er- und 70er-Jahre hinweg, immer den größten Teil eines Jahrgangs in der beruflichen Bildung, im dualen System. Jetzt ist Gleichstand: Die Anzahl der Menschen, die eine Lehre beginnen, und die Anzahl der Menschen, die ein Studium beginnen, ist seit 2013 etwa gleich. Wenn der Trend anhält und steigende Abiturientenzahlen hinzukommen, dann bleiben im dualen System und in der beruflichen Bildung generell nur noch 30 Prozent, vielleicht sogar nur 25 Prozent. Niemand wird ernstlich bezweifeln, dass das deutsche, österreichische und Schweizer Modell der beruflichen Bildung einen solchen Aderlass nicht überleben würde. Das ist völlig ausgeschlossen.

Groteske Situation: Das duale System als Exportschlager, das in Spanien und anderen südlichen europäischen Ländern aufgebaut wird und hier nicht mehr überlebensfähig ist . . .

Nicht nur in Europa, auch in den USA ist man unterdessen auf diese Besonderheit der mitteleuropäischen Bildungssysteme aufmerksam geworden und versucht, sie zu kopieren, was nicht einfach werden wird, weil die Betriebe und Unternehmen dort darauf nicht vorbereitet sind und ihnen die Meister-Tradition fehlt. Im internationalen Vergleich und entgegen der üblichen Propaganda haben gerade diejenigen Länder die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit aller Industrieländer, die die niedrigste Akademikerquote haben. Das sind die Schweiz, Österreich und Deutschland. Tatsächlich hat zum Beispiel Großbritannien nicht nur die doppelte Akademikerquote wie Deutschland (30 gegenüber 16 Prozent), sondern auch die doppelte Jugendarbeitslosigkeit (20 gegenüber 9 Prozent). Die ökonomisch hoch entwickelten Länder, die OECD-Länder, haben durchschnittlich eine doppelt so hohe Jugendarbeitslosigkeit (19 Prozent) wie Deutschland (9 Prozent) oder Österreich (8 Prozent) oder die Schweiz (8 Prozent) und fast durchgängig zugleich eine deutlich höherer Akademikerquote.

Nicht alle können Wissenschaftler werden …

Genau! Und das ist der Grund, warum die Aufmerksamkeit im Augenblick auf das Schweizer, österreichische, deutsche und auch das dänische Modell gerichtet wird. Und man sagt sich, möglicherweise hängt das eine (die niedrige Jugendarbeitslosigkeit) mit dem anderen (der Existenz eines nicht-akademischen Weges in den Beruf) zusammen. Der Grund könnte darin liegen, dass nicht alle Menschen gleichermaßen kognitiv für einen auf Sprachen, Wissen und auf Abstraktion ausgerichteten Bildungsweg geeignet sind. Sehr viele Jugendliche und junge Erwachsene sind in Berufsausbildungsgängen, die stärker praktisch, handwerklich, aber auch sozial oder kaufmännisch ausgerichtet sind, wesentlich besser aufgehoben und ihre beruflichen Bildungschancen können sie dort auch viel besser wahrnehmen. Ein Beispiel: Es gibt vor allem Jungs, aber auch zunehmend Mädchen, die interessieren sich für Technik, aber die haben ein Problem mit Mathematik, sie sind also für ein ingenieurwissenschaftliches Studium schlecht geeignet. Es ist nicht sinnvoll, diesen erst einmal die Enttäuschung eines Studienabbruchs zuzumuten, anstatt die Weichen auf eine technische oder handwerkliche berufliche Bildung zu stellen. Wenn wir das frühzeitig und nachdrücklich klarmachten, dann wäre das eine deutliche Verbesserung gegenüber der jetzigen Situation.

Lesen Sie auf der nächsten Seite den 2. Teil des Interviews.

© handwerk-magazin.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen