Finanzen + Versicherungen -

Big-Data-Tarife: Die Vermessung des Kunden

Wer vorsichtig fährt, spart mit Big-Data-Tarifen jetzt Geld bei der privaten Kfz-Versicherung. Immer mehr ­Gesellschaften bringen entsprechende Angebote auf den Markt. Doch es gibt auch Risiken.

Themenseite: Flottenversicherung

Lewis Hamilton ist ein gläserner Rennfahrer. Wenn der Formel-1-Weltmeister seinen Boliden über die Piste bugsiert, sammelt eine Telematik-Box laufend Daten, nicht nur zum Motor, sondern auch über sein Fahrverhalten und seine körperliche Verfassung. In den Autos von Normalbürgern halten die Datensammler jetzt ebenfalls Einzug. Für den Fahrer hat das finanzielle Vorteile.

Beiträge Sinken

Die ersten Kfz-Versicherer bringen in Kooperation mit Herstellern von Navigationssystemen wie Here und Tom- Tom Telematik-Tarife auf den Markt. Dabei liefert eine nachträglich im Auto installierte Box oder das Smart-phone des Fahrers Daten über den Fahrstil an die Versicherung. Die Box gibt es in zwei Varianten: ein kleines Gerät für den 12-Volt-Anschluss (Zigarettenanzünder) oder mit Schnittstelle zum On-Board-Diagnose-System, das sich zum Beispiel im Handschuhfach des Fahrzeugs befindet.

Ob Box oder Smartphone – das jeweilige Gerät generiert die Informationen selbst, und zwar mithilfe von GPS zur Positionsbestimmung sowie Gyrosensoren, die Brems- und Beschleunigungswerte sowie starke Kurven messen. Der Umfang der Datenerhebung variiert je nach Anbieter. Wenn ein Fahrer oft kräftig Gas gibt, hart bremst und immer wieder Überholmanöver durchführt, deutet das auf eine aggressive Fahrweise hin. Dann ist er für den Versicherer ein großes Risiko und bekommt keinen Rabatt auf seinen Beitrag. Sparen kann der Fahrer, wenn laut der Anbieter „eine an die Straßen und Verkehrsverhältnisse angepasste Fahrweise“ ermittelt wird. Verstöße gegen Verkehrsregeln, etwa die Missachtung eines Stopp-Schildes, werden nicht erfasst.

In den USA, Großbritannien und Italien gehören solche Preismodelle zum Alltag. In Deutschland wird Telematik bisher nur im Flottengeschäft zur Routenplanung eingesetzt. Für Gero Nießen, Direktor bei der Unternehmensberatung Willis Towers Watson, spezialisiert auf Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen, „ist der Einsatz von Telematik zur Senkung des Versicherungsbeitrages der nächste logische Schritt“.

Junge Fahrer im Fokus

Vorreiter war Anfang 2014 S-Direkt, der Direktversicherer der Sparkassen. Das Angebot war auf 1.000 Testkunden begrenzt und wurde Ende 2015 aus Kostengründen eingestellt. „Ein Nachfolgeprodukt ist in Planung“, sagt Vorstand Jürgen Cramer gegenüber handwerk magazin. Aktuell bieten fünf Versicherungen Telematik-Tarife an: seit Oktober 2014 die Signal-Iduna sowie seit Ende 2015 VHV und Axa. Zwei weitere Tarife von der Itzehoer sowie ein Angebot von der Tochter, Admiral Direkt, können von Kunden zwar abgeschlossen werden, die Versicherer betonen aber den Testcharakter ihrer Produkte. Nur das Axa-Angebot funktioniert als reine Smartphone-App. Der Axa-Tarif zielt auf Fahrer bis 25 Jahre. Der maximale mögliche Beitragsnachlass beträgt 15 Prozent. Die Produkte der anderen drei Anbieter benötigen (zusätzlich) eine Box.
Noch sind die Verkaufszahlen überschaubar. „Bisher haben sich 750 Kunden für unseren Sijox-App-Drive-Tarif entschieden“, sagt John-Sebastian Komander, Marketing-Leiter bei Signal Iduna. Das Angebot richtet sich an Fahrer zwischen 17 und 30 Jahren, die ihren Beitrag um bis zu 40 Prozent senken können.

Als einziges Produkt im Markt ist der VHV-Tarif von allen Fahrern unabhängig vom Alter nutzbar. Die notwendige Telematik-Box kostet 6,99 Euro Miete pro Monat. „Dafür kann bei uns jeder verantwortungsvolle Fahrer bis zu 30 Prozent Beitrag sparen“, sagt VHV-Mitarbeiter Stefan Lutter. Wenn die Wettbewerber vom Nutzer keinen Preis für ihre Box verlangen, bedeutet das nur, dass die Kosten auf alle Kunden in der Kfz-Sparte des Versicherers umgelegt werden. Mit Spannung warten Beobachter nun auf den Markteintritt weiterer Anbieter – die nächsten sind Allianz und HUK-Coburg.

Derzeit sind junge Fahrer noch die wichtigste Zielgruppe für die neuen Tarife. Zum einen, weil die Beiträge für die jungen Kunden und die Schadensquoten für die Anbieter hoch sind und beide Seiten mit Telematik-Tarifen sparen. Zum anderen sind junge Leute bereit, für Preisnachlässe mit ihren Daten zu bezahlen. „Wir wollen weg von den Malus- hin zu den Bonus-Systemen für junge Autofahrer. Die digitale Revolution ermöglicht uns genau das“, erklärt Ulrich Leitermann, Chef der Signal-Iduna-Gruppe.

Streit um Daten beginnt

Vor diesem Hintergrund nimmt das Thema Telematik Fahrt auf. Auch deshalb, weil in drei Jahren aufgrund einer EU-Verordnung in neuen Modellen von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen ein Notrufsystem (eCall) eingebaut werden muss. Die Geräte sollen einen Verkehrsunfall automatisch melden. Die Technik ermöglicht kommerzielle Zusatzdienste wie Mauterfassung oder eben „Pay-as-you-drive“-Versicherungsverträge.

Aber schon jetzt beginnt der Streit um die Daten. Die Verbraucherzentrale Bundesverband, der ADAC, die Kfz-Werkstätten und die Versicherungswirtschaft warnen vor einem „Datenmonopol der Autohersteller“. Die im Fahrzeug montierten Geräte müssten per Gesetz über standardisierte und offene Schnittstellen für den Datentransfer verfügen. Mit einer solchen Schnittstelle könnten die Fahrer frei entscheiden, an wen sie ihre Fahrzeugdaten übermitteln.

Derzeit nutzen die Versicherungen die Telematik-Tarife, um Erfahrungen zu sammeln. Dennoch sind Debatten in Sachen Datenschutz absehbar. Helga Block, die Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit Nordrhein-Westfalen, mahnt zur Vorsicht: „Das ist ein gefährlicher Weg: Wer eine günstige Versicherungsleistung haben möchte, verkauft ein Stück Privatsphäre.“

Datenanalyse bei Telematik-Tarifen

Telematik ermöglicht Versicherern eine individuelle Berechnung der Beiträge. Vorreiter ist die Kfz-Sparte.

Rabatt
Wer vorsichtig fährt, erhält Punkte. Je nach erreichtem Punktestand bekommt der Fahrer einen Rabatt von seiner Versicherung.

Datenschutz
Telekommunikations- und Telematikunternehmen dürfen die Daten über den Fahrstil keiner Person zuordnen. Daher gibt es zwei Datenkreise – Fahrdaten und Punktesystem einerseits sowie Daten für die Zuordnung zur Person andererseits. Der Versicherer kann eine Personenzuordnung vornehmen, erhält aber außer der Gesamtkilometerzahl keine weiteren Fahrdaten, sondern nur aggregierte Werte (Scores). Sämtliche Daten werden sowohl in der Box als auch bei der Übertragung und Speicherung verschlüsselt.

Datenweitergabe
Fahrer müssen sich vor Fahrtantritt entscheiden können, ob sie eine Aufzeichnung ihres Fahrverhaltens dulden. Die Daten werden nur für die Tarifgestaltung verwendet. Kunden werden informiert, dass sie der Datenweitergabe an Werkstätten im Fall eines Unfalls widersprechen können.

© handwerk-magazin.de 2021 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen