Wirtschaft -

Bedingt krisenfest

Konjunktur | Wie gut können Handwerksbetriebe Rezessionen verkraften? Eine aktuelle Studie offenbart größere Schwächen. Welche Branchen zu den Gewinnern, welche zu den Verlierern gehören.

Krise war gestern, so lautet die einhellige Botschaft der deutschen Wirtschaft. Die Bundesregierung erhöht ihre Wachstumsprognose auf „deutlich über 1,4 Prozent“, und Konjunkturforscher Hans-Werner Sinn vom Münchner Ifo-Institut sieht die Unternehmen schon „in Partylaune“. Und das Handwerk? Ganz so glänzend scheinen die Betriebe nicht aus der Krise zu kommen. Einige Branchen profitieren, andere stecken nach wie vor in Schwierigkeiten.

Das Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh) hat die Konjunkturabhängigkeit des Handwerks untersucht und dabei die Frage gestellt, ob die Handwerksbetriebe in Krisenzeiten wie 2008 und 2009 die Gesamtkonjunktur stabilisieren. Denn sowohl von Konjunkturforschern als auch vom Handwerk selbst wird immer wieder betont, dass kleine und mittlere Unternehmen in Rezessionen die Stützen der Wirtschaft seien. Für die schwers-te Rezession der deutschen Wirtschaftsgeschichte 2008 und 2009 konnten die Handwerksbetriebe aber insgesamt „keine Stabilisatorfunktion übernehmen“, so das Fazit der Forscher.

In zwei Bereiche trennen

Allerdings zeigt die Studie von Jörg Thomä vom ifh Göttingen, dass es eine allgemeine Handwerkskonjunktur gar nicht gibt. „Man muss die Handwerkswirtschaft in einen konjunkturabhängigen und in einen weniger konjunkturabhängigen Bereich trennen“, erklärt Thomä. Zu den stärker konjunkturabhängigen Branchen zählen die Handwerke für den gewerblichen Bedarf, das sind in erster Linie Zulieferer für die Industrie, und das Bau- und Ausbaugewerbe. Vor allem den ersten Bereich hat die Krise mit Umsatzeinbrüchen bis minus 17,7 Prozent (siehe Seite 21 „Umsatzentwicklung“) voll getroffen. Weil diese Branchen aber zu den großen Umsatzbringern im Handwerk zählen, lasse sich die These von einer generellen Stabilisatorfunktion des Handwerks nicht aufrechterhalten, so Thomä.

Vom Konsum profitiert

Die konsumnahen Handwerksbranchen zeigten sich dagegen in der Untersuchung weniger konjunkturabhängig. Mit Umsatzrückgängen von maximal einem Prozent schnitten sie deutlich besser ab als die Gesamtwirtschaft, die 2009 mit einem Minus von fünf Prozent einbrach. Die Konjunkturpakete der Bundesregierung hielten die Konsumbereitschaft der privaten Verbraucher hoch und die Auftragsbücher der meisten Betriebe aus diesen Branchen voll. So erzielte das Kraftfahrzeuggewerbe 2009 aufgrund der Abwrackprämie als einziges Gewerk ein Umsatzplus von 1,7 Prozent.

Für ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke ist das Studienergebnis keine Überraschung: „Insgesamt schlägt sich das Handwerk gut in Krisen. Doch eine in allen Gewerken gleichlaufende Handwerkskonjunktur gibt es nicht“ (siehe Interview Seite 22).

Ist also die These widerlegt, dass kleine und mittlere Betriebe in Krisenzeiten die Wirtschaft stützen? Nicht ganz, fanden die Göttinger Forscher heraus. Den Arbeitsmarkt stabilisierten die Handwerksbetriebe in jedem Fall und hielten auch in konjunkturell schlechten Zeiten an ihren Mitarbeitern fest (siehe Kasten „Arbeitsmarkt“). Das liegt an der stärkeren persönlichen Bindung zwischen Chef und Mitarbeiter im Kleinbetrieb, aber auch daran, „dass Kündigungen oft zu einem Know-how-Abfluss führen oder zu einem unerwünschten Wissenstransfer in andere Unternehmen“, hat Forscher Thomä herausgefunden. Auch in der Ausbildungsleistung hat das Handwerk in der Rezession nicht nachgelassen und ausreichend Lehrstellen angeboten.

Risiko Exportmarkt

Welche Schlussfolgerungen können die Handwerksbetriebe daraus ziehen? Solange in Krisenzeiten die Inlandsnachfrage noch funktioniert –oder durch staatliche Maßnahmen gestützt wird – wird das Handwerk insgesamt besser abschneiden als die Industrie oder der Handel. Schwannecke: „Die Konjunkturprogramme haben einen stabilisierenden Einfluss auf die Binnennachfrage. Davon profitiert das Handwerk.“ Betriebe, die indes von der exportorientierten Industrie abhängen oder selbst exportieren, tragen ein größeres Risiko, Schwankungen ausgesetzt zu sein.

Denn, da sind sich die Konjunkturexperten einig, die letzte Krise war exportgesteuert und die nächsten werden es auch sein. Gleichwohl dürfte die deutsche Wirtschaft auch weiterhin nicht umhin können, auf die Export- und Weltmarktorientierung als Wachstumstreiber zu setzen.

reinhold.mulatz@handwerk-magazin.de

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Die Konjunkturprognose des Zentralverbands des Deutschen Handwerks finden Sie unter
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ZDH-Konjunkturbericht

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