Politik -

Die Baumann-Kolumne "Neues von der Werkbank" Kommentar: Aktuelle Political Correctness sucht und (er)findet Probleme

Das Land der Tüftler und Denker ist noch immer innovativ. Nicht in dem Bestreben, die Zukunft gerechter und besser zu gestalten, sondern in der Angst, dass es in der Gegenwart noch ein Problem geben könnte, welches bisher unbemerkt sein Dasein fristet. Das findet zumindest unsere Kolumnistin Ruth Baumann, Präsidentin der Unternehmerfrauen im Handwerk (ufh) Baden-Württemberg. Lesen Sie selbst!

Themenseite: Neues von der Werkbank – Kolumne von Ruth Baumann

Bereits vor Jahren zog der ehemalige FDP-Politiker Guido Westerwelle Vergleiche zwischen dem Römischen Reich und der Bundesrepublik Deutschland. Es war nicht gerade schmeichelhaft, dass er in unserem Land Ansätze der „spätrömischen Dekadenz“ diagnostizierte. Haben wir Maß und Mitte verloren, waren oder sind wir zu gesättigt? Riskieren wir, in einem Anfall von Überheblichkeit, bewährte Dinge über Bord zu werfen?

Jede Woche ein neues Problem(thema)

Aktuell habe ich das Gefühl, dass jede Woche ein neues Problem auf ge deckt wird, für das ich mich rechtfertigen muss oder an dem ich höchstpersönlich schuldig bin. Wer ein Auto fährt und einen Kamin mit Holz heizt, schadet der Umwelt und ist verantwortungslos. Der Genuss von Fisch, Fleisch und Wurstwaren ist nicht mehr zeitgemäß. Unsere Muttersprache hat Tendenzen, andere Menschen herabzuwürdigen und zu diskriminieren. Es gelten in der Geschichte nur die Persönlichkeiten, die keinerlei Unzulänglichkeiten aufweisen und aus heutiger Sicht betrachtet, fehlerfrei sind. Wir sind gerade dabei unsere Geschichte (und somit auch die Erkenntnisse, die wir daraus ziehen könnten) so umzuschreiben, dass sie den heutigen Ansprüchen der P olitical C orrectness entspricht. In dem Bestreben, allen Eventualitäten gerecht zu werden, steht am Schluss eine inhaltslose Hülle. Aber wir fühlen uns gut!

Gendern, wo es Sinn macht

Jede Hirschkuh kann jetzt beruhigt schlafen, da das Verkehrsschild „Achtung Wildwechsel“ durch ein m/w/d-Verkehrsschild ohne Geweih ersetzt wird. Plötzlich werden Straßen und Plätze umbenannt, weil man sie so nicht mehr bezeichnenkann, ohne dabei beschämt zu sein. Kulturdenkmäler stehen unter Generalverdacht, bis man sich sicher sein kann, dass sie unseren heutigen Ansprüchen genügen können. Fragen Sie mich bitte nicht, ob ich beruhigter bin, wenn es die „Spatzinnen“ von den Dächern pfeifen oder die Feuerinnenwehr zur Brandbekämpfung ausrückt. Ich entschuldige mich schon mal im Vorfeld, dass ich letzte Woche ein Angebot über eine Gehwegwiederherstellung erstellt habe und nicht einen „Bürgerinnensteig“ sanieren wollte. Die juristischen Anforderungen an Betriebsinhaber bei den Geschlechterbezeichnungen in einer Stellenanzeige, haben die Welt wirklich besser gemacht. Aber es gibt noch unendlich viel zu tun. Viele Bäcker müssen noch sensibilisiert werden: sie verkaufen süße Backwaren unter dem Namen „Amerikaner“ oder „Berliner“ und haben anscheinend noch kein Problembewusstsein hierzu entwickelt. Gleiches gilt in der Metzgerei: wie kann unsere Sprache dabei helfen, dass künftig auszuschließen ist, dass „Frankfurter“ und „Wiener“ gebissen werden?

Wenn die Problemsuche selbst zum Problem wird

Bitte sehen Sie es mir nach, dass ich Zeit und Kraft für andere, in meinen Augen, wichtigere Dinge, aufwenden will. Wenn ein gesellschaftliches Zusammenleben funktioniert, kann die Problemsuche selbst zum Problem werden. Auf betrieblichen Feiern wird gegessen und getrunken. Mittlerweile (Sie erinnern sich an das schlechte Gewissen?) fragt man nach, ob das so für alle in Ordnung sei. Trockener Kommentar eines Arbeitnehmers: „Das haben wir in den letzten 20 Jahren schon so gemacht. Weshalb sollten wir das ändern?“

In und nach Corona muss man mutig anpacken und gestalten, Pflicht und Kür unterscheiden. Erschöpfen wir uns nicht darin zu zeigen, für was wir nicht stehen, sondern zeigen wir Dinge, für die wir uns einsetzen. Keiner kann zum heutigen Zeitpunkt abschätzen, was, wann und wie auf uns zukommt. Die Ankündigung der Beitragserhöhung für Pensionszusagen (Sie erinnern sich an meine Mai-Kolumne 2020) ist allerdings in der Zwischenzeit bereits eingetroffen und die Einkommensteuerabgabe auf Corona-Prämien und Kurzarbeitergeld wird schon bald folgen.

Lassen Sie uns Handwerken und die Lösungen suchen, denn damit erreichen wir greifbare Ergebnisse!

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