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Blog-Update: Besuch beim Raumausstatter 52 Wochen = 52 Betriebe: Chefredakteur Patrick Neumann unterwegs im deutschen Handwerk

In der Januar-Ausgabe 2020 hat sich Chefredakteur Patrick Neumann ganz schön viel vorgenommen: Unter dem Motto "52 Wochen = 52 Betriebe" und dem Hashtag #52Wochen möchte er das deutsche Handwerk, also Sie, kennenlernen und mit Ihnen über die wichtigsten Themen der Branche sprechen. Hier berichtet er über diesen besonderen "Roadtrip".

Topic channels: TS Fachkräftemangel, TS Digitalisierung, TS Energieeffizienz, TS Energiesparen, TS Mitarbeitermotivation, TS Soziales Engagement und TS Nachfolge

11.02.2020: Bleher Raumdesign & Handwerk in Nürtingen (Landkreis Esslingen)

#52Wochen: Bleher Raumdesign & Handwerk

„Wir legen Ihnen den Boden zu Füßen“ – so steht es auf dem Flyer, den ich in der Kirchheimer Straße 1 in Nürtingen in die Hand nehme. Gleich treffe ich Michael Bleher und sein Team. Doch das Gespräch läuft anders, als erwartet: Wir sprechen kaum über Bodenbelagsarbeiten, Wand- und Deckengestaltung oder die Wünsche seiner Privatkunden, sondern vor allem über die Digitalisierung. „Wir stellen das Ding komplett auf den Kopf, ohne die Prinzipien des traditionellen Handwerks aus dem Blick zu verlieren“, erklärt der Raumausstattermeister. Mit „das Ding“ meint Michael Bleher sein Unternehmen Bleher Raumdesign & Handwerk, das er 1992 dem Vater abgekauft und das sein Großvater 1946 gegründet hatte. „Das ist mein Leben. Ich mache das echt gerne.“ Heute beschäftigt er insgesamt sieben Mitarbeiter . Zuhörer, Ideengeber, Planer und Macher: So sehen sie sich in Nürtingen.

Der Handwerkschef ist in seinem Berufsleben viel in der Welt herumgekommen. Die Stationen lauten Dublin, Singapur oder Puerto Rico. Eigenen Angaben zufolge waren das die Wanderjahre in der Ferne. Dabei hat er sich stets den Blick für Neues und Trends bewahrt, so mein Eindruck. Mit der Konsequenz, dass er seinen Nürtinger Betrieb jetzt auf digital trimmt. „Wir sind heute schon weitgehend digital“, betont Michael Bleher. Er erklärt mir den Einsatz der eigenen Cloud, spricht über die passenden Schnittstellen, zeigt mir innovative PDF-Formulare und erläutert mir die Vorteile des papierlosen Büros und die ausgeklügelte IT-Logik, an der er zusammen mit einem Entwickler seit fünf Jahren dran ist. Auch interessant: Im August 2019 stattete er sein Team mit Apple iPads aus. Von Papier und Aktenordnern möchte man sich kurzfristig verabschieden. „Die Entscheidung, es jetzt richtig zu machen, hat mich sehr motiviert.“ Und diese Motivation kann man als Gesprächspartner nahezu greifen.

Drei Dinge sind mir dabei aufgefallen:
  1. Raumausstattermeister Michael Bleher setzt auf die Kombination: den persönlichen Kontakt mit dem Kunden und die digitalen Abläufe. Demnach hat der stationäre Laden in der Kirchheimer Straße 1 auch künftig seine Berechtigung. Schließlich wollen die Privatkunden aus der Region Muster, Stoffe & Co. anfassen – damit dann Blehers Team später die richtige Atmosphäre schaffen und die handwerkliche Perfektion zeigen kann.
  2. Der Handwerkschef lebt seinem jungen Team die Veränderung vor. Er bemängelt die festgefahrenen Strukturen in vielen Betrieben und möchte mit gutem Beispiel vorangehen und sein Wissen weitergeben. Heute im eigenen Betrieb, später aber auch in anderen Handwerksunternehmen.
  3. Für Michael Bleher kommt es aufs Netzwerken an. „Ein Netzwerk mit Kollegen finde ich super wichtig.“ Selbst im Fitnessstudio knüpft der ehemalige Weltenbummler Kontakte fürs Business.

11.02.2020: Kiesel Elektrotechnik in Rottenburg (Landkreis Tübingen)

Patrick Neumann und Volker Kiesel

Das grüne Nachlicht-Band am Boden zeigt den direkten Weg ins Bad, das Bett im Schlafzimmer hebt einen auf Knopfdruck elegant aus den Federn und dank des höhenverstellbaren Herds kommen auch Rollstuhlfahrer beim Kochen nicht ins Schwitzen. Herzlich Willkommen im Tübinger LebensPhasenHaus. Elektrotechnikermeister Volker Kiesel hat mich hierher eingeladen – und somit unser Treffen kurzerhand von seinem Büro an einen besonderen Ort verlegt. An einen „Ort für Forschung, Demonstration und Wissenstransfer“, wie es offiziell heißt. Seit seiner feierlichen Eröffnung am 18. Mai 2015 kann man im LebensPhasenHaus die Zukunft anfassen und sich die Möglichkeiten fürs selbstbestimmte Wohnen besser vorstellen. Auch ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich Gesehenes in den eigenen Kontext übertrage.

„Ich bin in einer extremen Nische unterwegs“, erklärt Volker Kiesel. Der Elektrotechnikermeister, der 2004 seinen Betrieb Kiesel Elektrotechnik gegründet hat und heute als 2,5-Mann-Firma unterwegs ist, spielt hier auf Privatkunden an, die lange zu Hause wohnen wollen. Ganz wichtig bei dieser Klientel: Vertrauen zu gewinnen. Und sie als Kümmerer oder „Lieblingshandwerker“ auf der digitalen Reise zu begleiten. „Das Thema Digitalisierung treibt mich natürlich täglich mit Smart Home und Assistenzsystemen für Senioren und Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen um“, so Kiesel. Interessant: Einige der „Oldies“ schlüpfen für Handwerkschef Kiesel in die Rolle des Testkunden – und prüfen neue Geräte oder Tools intensiv.

Apropos Unterstützung. „Smart Home & Living“ bietet Handwerksbetrieben, auch im Zuge des demografischen Wandels, interessante Chancen und Perspektiven. Insbesondere, wenn man als Netzwerkpartner agiert. Auf das professionelle Zusammenspiel kommt es dabei an. „Netzwerkdenken ist uns ganz wichtig“, betont Kiesel. Mit „uns“ meint er die fünf Experten, die er einen Tag nach Orkan Sabine an den großen Tisch im LebensPhasenHaus geholt hat: Sabine Goetz und Andreas Baum vom Landesverband Selbsthilfe Körperbehinderter Baden-Württemberg, Sylvia Weinhold von der Handwerkskammer Reutlingen, Michael Lucke vom Kreisseniorenrat und Thomas Heine von der Eberhard Karls Universität Tübingen. Gut eineinhalb Stunden diskutieren wir intensiv über gesundes wie selbstbestimmtes Leben und die Rolle des Handwerks als Multiplikator. Forschung, Handwerk und Ehrenamt – eine tolle Kombination.

Drei Dinge sind mir dabei aufgefallen:
  1. Volker Kiesel bringt die Menschen zusammen. Barrierefreiheit 4.0 ist für ihn ein Megathema – und dafür hat er sich das richtige Netzwerk aufgebaut. Der Elektrotechnikermeister bringt sich ein, fungiert am Markt als Türöffner und brennt für sein Handwerk.
  2. Der Handwerkschef trägt das Thema in die Breite. Beispielsweise ist er Dozent an einer Meisterschule für Elektrotechnik. Oder er hält als Experte Vorträge auf Messen und vor Seniorengruppen.
     
  3. Und der Unternehmer sucht aktiv nach neuen Wegen. So war er drei Jahre lang Projektpartner von „ Hammer 4.0“. Dessen Ziel: die Erschließung neuer Geschäftsfelder für Handwerk, Handel und Dienstleister im Bereich „ Smart Home & Living“.

30.01.2020: Riebl-Siebdruck in Ergolding (Niederbayern)

52 Betriebe: Hannes Riebl, Riebl-Siebdruck

Hannes Riebl ist ein innovativer Unternehmer – und der Gastgeber meines zweiten Betriebsbesuchs. Heute bin ich beim Siebdrucker, ein kaum bekannter Beruf. Der Gründer von Riebl-Siebdruck selbst spricht von „Exoten im Handwerksbereich“. Doch was fertigen die Niederbayern eigentlich? Beispielsweise Funktions- und Tastaturfolien sowie Typen- und Geräteschilder. „Alles, was die Maschinen- und Geräteindustrie benötigt“, so Riebl. Stolz zeigt er mir Muster, erklärt mir im Schnelldurchgang spezielle Verfahren und Ähnliches. Namhafte Unternehmen geben sich in Ergolding die Klinke in die Hand. Als Spezialist für technische Produkte rund ums Gerät ist man offensichtlich gefragt – auch in China. „Unsere Stärke ist, Lösungen für den Kunden zu finden.“

Bevor wir eine Tour durch seinen Betrieb machen, bei dem ich vielen motivierten Mitarbeitern und den modernsten Maschinen begegne, steht ein Powerpoint-Vortrag an. Ein kurzer Ritt durch die Firmenhistorie – vom Start als Ein-Mann-Betrieb 1977 bis zum innovativen Produktionsunternehmen mit 30 Mitarbeitern heute. Während des Vortrags wird mir schnell klar, wie viel der umtriebige Unternehmer erreicht hat: Drei Mal erhielt der Betrieb den Bayerischen Qualitätspreis, als erste Siebdruckerei war man nach ISO 9001 zertifiziert (1994), dann die Auszeichnung zum „Top Innovator“ (2016) und selbst Kanzlerin Angela Merkel besuchte den Handwerksunternehmer 2017 an seinem IHM-Stand – um nur einen kurzen Auszug zu nennen. Alles andere würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen.

Drei Dinge sind mir dabei aufgefallen:
  1. Der Unternehmer hat sich früh damit beschäftigt, in seiner Firma eine Philosophie, ein Leitbild, eine Politik, ein Managementsystem einzuführen. So lautet beispielsweise das Firmenmotto: „Gemeinsam sind wir stark“. Zudem stehe der Mensch im Mittelpunkt des Handelns. Riebl spricht von Menschlichkeit und Fairness, sowohl was die Mitarbeiter als auch die Geschäftspartner angeht. Ethische Grundsätze stehen hier im Mittelpunkt. Riebl: „Unternehmenskultur hat in unserem Hause schon immer einen hohen Stellenwert.“ Demnach verwundert es auch kaum, wie die Vision des Unternehmens aussieht: begeisterte Kunden.
  2. Der Siebdruckmeister hat sich immer ehrenamtlich engagiert: Wie mir Riebl erzählt, war er viele Jahre stellvertretender Innungsmeister der Bundesinnung sowie im Prüfungsausschuss und bei der Erstellung der Prüfungsaufgaben tätig. „Im Verband Druck und Medien Bayern bin ich seit 15 Jahren stellvertretender Vorsitzender“, ergänzt er. Das Netzwerk muss groß sein.
  3. Und Hannes Riebl kann loslassen. Zum Jahreswechsel 2019/2020 hat er den Betrieb, eigenen Angaben zufolge eine der führenden europäischen Siebdruckereien, an seine Tochter Joana Harrer-Riebl und seinen Schwiegersohn Florian Harrer übergeben. Die Zukunft ist somit gesichert!

24.01.2020: Elektro-Netzwerk Ramsauer in Velden (Niederbayern)

52 Betriebe: Barbara Ramsauer und Patrick Neumann

Es geht los! Der erste meiner 52 Betriebsbesuche, die ich mir heuer vorgenommen habe, ist quasi ein Heimspiel. Gute 60 Kilometer von München entfernt liegt der Markt Velden – im niederbayerischen Landkreis Landshut. „Perle des Vilstals“ steht auf einem Schild am Straßenrand, wenige Hundert Meter entfernt vom Elektro-Netzwerk Ramsauer. Die Sonne verwöhnt am heutigen Freitag diese Perle, wenngleich das Thermometer schattige 1,5 Grad anzeigt. Doch was erwartet mich bei meinem ersten Besuch? Welche Erwartungen gibt es? Und wo drückt am meisten der Schuh?

Die engagierte Unternehmerfrau Barbara Ramsauer, die gemeinsam mit ihrem Mann Rudolf den Betrieb 1993 im privaten Wohnhaus startete, hatte mich zu sich nach Niederbayern eingeladen. Rund 30 Mitarbeiter kümmern sich um Elektro-, Netzwerk und Sicherheitstechnik – ausschließlich im öffentlichen Bereich. Zudem offeriert der Handwerksbetrieb Services für Bauherren, etwa Wartungsverträge.

Die erste Überraschung: Der Ramsauer-Fuhrpark befindet sich vollständig auf dem Hof. Der Grund, wie ich später im modernen Betrieb erfahren sollte: Man setzt hier auf eine Vier-Tage-Woche. Freitags sind die Mitarbeiter bereits im Wochenende, ihr Stundenkonto haben sie schon von Montag bis Donnerstag gefüllt.

So sonnig wie das Wetter ist dann auch der Empfang der Ramsauers. Neben Barbara und Rudolf Ramsauer nehmen auch Tochter Anna und Sohn Andreas, beide schon im Betrieb aktiv, am Gespräch teil. Eine ganz kurzweilige Unterhaltung über Herausforderungen, Trends & Co.

Drei Dinge sind mir dabei aufgefallen:
  1. Barbara Ramsauer nimmt den Fachkräftemangel nicht einfach hin, sondern unternimmt aktiv etwas dagegen. So stellte sie unter anderem kürzlich in ihrer Heimatgemeinde eine Ausbildungsmesse auf die Beine – mit 19 ortsansässigen Handwerksbetrieben. Ein Novum. Das Konzept am Ramsauer-Stand: Der Lehrling kümmerte sich um den potenziellen Azubi, die Chefs um dessen Eltern. „Lockeres Kennenlernen und Kontakte anbahnen“, so das Motto von Barbara Ramsauer. Natürlich durften neben einem Roll-up auch Werkzeuge und Gitterkäfig nicht fehlen.
  2. Dauerbrenner Digitalisierung: Bei Elektro-Netzwerk Ramsauer möchte man einige Prozesse umstellen. „Diese Jahr ist das Jahr der Digitalisierung“, betont Barbara Ramsauer. Unterstützung holt man sich dafür von externen Beratern. „Unser nächster Schritt ist die digitale Zeiterfassung.“ Keine Angst, dass der eine oder andere Mitarbeiter nicht mitziehen könnte? Barbara Ramsauer winkt ab. „Wir haben eine sehr gute Situation, weil wir einen sehr jungen Mitarbeiterstamm haben.“ Wo ergibt Digitalisierung einen Sinn und was bringt den Betrieb weiter – diesen Grundsatz verfolgen die Niederbayern.
  3. Wären wir bei Punkt drei, der Nachfolgeregelung. Von den drei Kindern sollen die bereits erwähnten Anna und Andreas später einmal als Doppelspitze den Handwerksbetrieb führen. Behutsam werden sie an diese Aufgaben herangeführt, so mein Eindruck vor Ort. Die Wertigkeit und den Stolz des Handwerks leben sie heute schon. Vorbildlich!

Patrick Neumann
patrick.neumann@handwerk-magazin.de

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