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Gesundheitsprävention: Fit für mehr Leistung im Job

handwerk magazin hat exklusiv die Angebote der für das Handwerk wichtigsten gesetzlichen Krankenkassen zusammengestellt. Und genau nachgeforscht, ob sich betriebliches Gesundheitsmanagement im Handwerk für Chefs wirklich auszahlt.

Themenseite: Arbeitsschutz und Gesundheit

Als Nicole Karger ihrem Team erklären wollte, was es mit der betrieblichen Gesundheitsförderung auf sich hat, war die Resonanz eindeutig: „Danke Chefin, aber das brauchen wir wirklich nicht.“ Margit Kolster, die den acht Mitarbeiter zählenden Maler- und Lackierbetrieb Hand-Werk-Zwei (HW2) in Dortmund als Gesundheitsmanagerin der IKK-Krankenkasse betreut, formuliert es noch ein wenig drastischer: „Die Chefs spinnen doch, so hieß es bei den meisten.“ Doch Nicole Karger und Mit-Inhaber Detlef Stolze ließen sich davon nicht beirren. Schließlich wollten die Betriebswirtin des Handwerks und der Malermeister bewusst ein Unternehmen aufbauen, in dem es anders zuging, als sie es selbst als Angestellte im Handwerk erlebt haben. „Unsere Mitarbeiter sollen nicht nur Anweisungen abarbeiten, sondern eigenverantwortlich arbeiten, weil der Job dann mehr Spaß macht“, erklärt die gelernte Fotografenmeisterin. Die These des HW2-Führungsteams: Wer gerne zur Arbeit geht, fehlt weniger und leistet mehr.

Rückentraining zum Einstieg

Da die Chefs von Anfang an auf ältere Mitarbeiter gesetzt haben (Karger: „Die haben einfach eine bessere Einstellung zur Arbeit.“), wollten sie den Wohlfühlfaktor im Betrieb durch gezielte Prävention weiter steigern. Mit Geduld, viel Kommunikation und Unterstützung von IKK-Gesundheitsmanagerin Margit Kolster gelang es schließlich, die Mitarbeiter für ein Rückentraining zu gewinnen. „Der Einstieg“, so Expertin Kolster, „gelingt am besten über die körperlichen Beschwerdethemen, dann kann man weitere Maßnahmen aufsetzen“. Bei HW2 haben die Mitarbeiter inzwischen Kurse zur Stressbewältigung und gesunder Ernährung auf der Baustelle absolviert, 2016 steht ein Nichtraucher-Programm auf dem Plan. Die Mitarbeiter investieren für die Trainings ihre Freizeit, die Chefs übernehmen für die nicht von der Krankenkasse finanzierten Maßnahmen die Kosten. Ein, wie IKK-Expertin Margit Kolster bestätigt, „außergewöhnliches Engagement“ für einen Kleinbetrieb. Dass der „komische Führungsstil“ auch kritisch beäugt wird, belastet die Geschäftsführer nicht. Im Gegenteil: Die Erfolge sind eine Motivation für alle, am Thema dranzubleiben. Nicole Karger: „Wir haben sehr geringe Fehlzeiten, die Produktivität liegt weit über dem Branchendurchschnitt, es gibt keine Querelen, und der Betrieb läuft rund.“

Kassen müssen Prävention stärken

„Betriebliches Gesundheitsmanagement ist eben weitaus mehr als Rückentraining“, weiß Frank Klingler, Präventionsexperte der IKK Classic. Mit circa 1000 betreuten Betrieben pro Jahr hat die im Handwerk stark vertretene IKK Classic einen Marktanteil von knapp zehn Prozent beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM), insgesamt nehmen jährlich rund 11 000 Betriebe an BGM-Maßnahmen der Krankenkassen teil. Das klingt ganz ordentlich, angesichts von insgesamt acht Millionen Unternehmen in Deutschland gibt es laut Klinger jedoch noch „viel Potenzial“.

Um das zu erschließen, hat die Bundesregierung im 2015 beschlossenen Präventionsgesetz alle gesetzlichen Krankenkasssen dazu verpflichtet, die Prävention in den Unternehmen massiv auszuweiten. So müssen die Kassen ab 2016 pro Versichertem sieben Euro für vorbeugende Maßnahmen ausgeben (bisher: 3,09 Euro), zwei Euro sind davon für BGM-Aktivitäten verpflichtend. Darüber hinaus sind die Kassen gehalten, ein Bonussystem für Betrieb und Mitarbeiter zu entwickeln, um die Motivation für BGM-Maßnahmen zu steigern. Nach Recherchen von handwerk-magazin-Mitarbeiter Uwe Schmidt-Kasparek haben jedoch längst noch nicht alle gesetzlichen Krankenkassen ein Angebot entwickelt (siehe Tabelle links).

Anne Dohle, Referatsleiterin in der Abteilung Soziale Sicherung beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) in Berlin, ist vom Nutzen des neuen Gesetzes nicht überzeugt. „Prävention lässt sich nicht verordnen, die Angebote erreichen oft nicht diejenigen, die am meisten davon profitieren würden, sondern sowieso bereits gesundheitsbewusste Menschen“, kritisiert die Expertin. IKK-Präventionsmanager Frank Klingler stützt diese Meinung: „BGM setzt Einsicht voraus, gesundes Führen und Arbeiten lässt sich nicht vorschreiben.“

Zumindest was die Einsicht anbelangt hat sich nach Klingers Erfahrung einiges bewegt. Waren früher vor allem die Unternehmerfrauen an BGM-Maßnahmen interessiert, gebe es jetzt „eine deutliche Öffnung bei den männlichen Chefs“. Schuld daran sei vor allem der Fachkräftemangel: „Die Betriebe können ältere Mitarbeiter nicht mehr beliebig durch junge Kräfte ersetzen, sondern müssen die Arbeitskraft älterer Mitarbeiter möglichst lange nutzen.“

Ab 50 steigen die Fehlzeiten

Ein Blick auf die Fehlzeitenstatistik im Handwerk zeigt, wie brisant das Thema ist. Bis zum Alter von 40 Jahren fehlt ein Mitarbeiter im Durchschnitt 14 Tage pro Jahr und liegt damit laut Gesundheitsbericht der IKK Classic für 2014 gute vier Tage unter dem bundesweiten Durchschnittswert. Ab 50 steigt dann die Fehlzeitenkurve rasant auf 23 (Altersgruppe 50 bis 59 Jahre) beziehungsweise 32 Ausfalltage (über 60-Jährige) jährlich an.

Schuld daran sind zu einem knappen Drittel Krankheiten des Muskel- und Skelettsystems, Verletzungen und Vergiftungen folgen mit 17 Prozent auf Platz zwei vor den Atemwegserkrankungen (11 Prozent). 2014 fehlte zudem fast jeder Zehnte wegen einer psychischen Erkrankung. Weil Mitarbeiter ab 40 Jahre von den klassischen Stress- und Überarbeitungssymptomen überproportional stark betroffen sind, rät Christine Busch, Arbeits- und Organisationspsychologin an der Uni Hamburg, zu einem wertschätzenden Führungsstil. Ob ein Mitarbeiter am Montag motiviert zur Arbeit kommt, hängt nach ihrer Erfahrung auch im Handwerk von den Führungsqualitäten und der Vorbildrolle des Chefs ab.

Der Chef als Vorbild

Willi Bruckbauer, Schreinermeister und Chef von Bora Lüftungstechnik im bayerischen Raubling, kann als ehemaliger Radprofi (siehe auch Heft 7/15) einfach nicht die Augen verschließen, wenn es um die Gesundheit und das Wohlbefinden seiner Beschäftigten geht. Knapp 100 Mitarbeiter arbeiten inzwischen an zwei Standorten in Raubling und Niederndorf (Österreich), das von Bruckbauer entwickelte innovative Küchen-Abzugssystem Bora (mehr Infos unter bora.com) verkauft sich weltweit so gut, dass die Firma rasant wächst.

„Speed und schlanke Prozesse sind für uns ein hoher Wert, da müssen alle Mitarbeiter mitziehen.“ Ist das einmal nicht der Fall, spricht Bruckbauer die jeweils Betroffenen klar und offen darauf an. Ein zwar keineswegs leichtes Gespräch für den Unternehmer, das jedoch elemetar wichtig ist für das Funktionieren des gesamten Teams. Denn schließlich ist es im Unternehmen genauso wie im Sport: Wenn sich auch nur einer nicht an die Regeln hält, gefährdet das den Erfolg der gesamten Mannschaft.

Die offene und wertschätzende Kommunikation ist jedoch nur ein Baustein der gesunden Führung bei Bora. Da der 49-jährige Inhaber immer noch großen Wert auf eine gesunde Lebensweise legt, bereitete es ihm fast körperliche Schmerzen, als er sah, wovon sich viele Mitarbeiter in den Pausen ernährten. Auch die Tatsache, dass immerhin 16 der 100 Mitarbeiter rauchten, missfiel dem Unternehmer.

1000 Euro Nichtraucher-Prämie

Um die Mitarbeiter zum Verzicht auf den blauen Dunst zu bewegen, gab es letztes Jahr eine Prämie von 1000 Euro für alle Mitarbeiter, die 2015 nicht geraucht haben, also auch für die Nichtraucher. Flankierend dazu konnten die Mitarbeiter auf Firmenkosten zweimal einen Heilpraktiker konsultieren. Weil die gesetzlichen Krankenkassen diese Leistungen in der Regel nicht übernehmen, wollte Bruckbauer seinem Team so den Zugang zur alternativen Medizin ermöglichen.

Kochen auf Kosten des Chefs

Den Weg zu einer gesünderen Ernährung ebnete der mit knapp 10 000 Radkilometern pro Jahr noch sehr aktive Sportler vor allem durch Aufklärung. Mehrfach informierte Claudia Eder, Ernährungsberaterin des von ihm gesponserten Profi-Radteams „Bora Argon 18“, die Mitarbeiter, was zu einer gesunden Ernährung gehört. Zweimal pro Jahr gibt es Fitnesswochen, bei denen Claudia Eder frische Säfte für alle presst und die Mitarbeiter beim Zubereiten anleitet.

Eine feste Instanz ist zudem das gemeinsame Kochen am Donnerstag. Jeweils zwei Mitarbeiter bereiten im Wechsel für das gesamte Team die Mahlzeit vor. Der Chef bezahlt alle Zutaten, sofern sich die Köche an die Vorschläge im Ernährungsplan des Radteams halten. Jeden Freitag kommt ein Masseur, den die Mitarbeiter eine halbe Stunde für sich buchen können. Ein Firmen-Radltreff am Freitag ergänzt die für einen Betrieb dieser Größenordnung beachtliche Palette an Gesundheitsmaßnahmen.

Lässt sich ein gesunder Lebensstil also doch verordnen? Stefanie Priller, Personalleiterin bei Bora, hat im Team ein interessantes Phänomen beobachtet: „Anders zu sein ist attraktiv für die Mitarbeiter, sie stechen aus der Masse heraus und fühlen sich gut dabei.“ Natürlich ist jede Maßnahme für alle absolut freiwillig, doch im Ergebnis sorgen Teamspirit, die eigene Überzeugung und das authentische Vorbild des Chefs dafür, dass alle mitziehen. Firmenchef Bruckbauer ist deshalb nicht nur stolz auf sein fittes und engagiertes Team, sondern auch auf seine überragende Gesundheitsquote: „Unsere Mitarbeiter fehlen mit rund acht Tagen pro Mitarbeiter und Jahr nicht mal halb so viel wie der Branchendurchschnitt.“

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