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Integration Teil 3 Deal zwischen Betrieb und Flüchtling muss tragbar sein

Was Flüchtlinge und Kfz-Mechanikerinnen gemeinsam haben. Und warum das Handwerk heute klüger sein muss als vor 30 Jahren.

Themenseite: Flüchtlinge

Sommer 1988. Eine junge Frau möchte eine Handwerksausbildung machen. Sie schreibt Bewerbungen auf alle offenen Kfz-Mechaniker-Lehrstellen in der Umgebung, knapp 20 Briefe. Das Ergebnis: ein (!) Vorstellungsgespräch. Das Gespräch führt die Senior-Chefin. Der konservativ strukturierte Familienbetrieb besteht aus Vater, Mutter, Sohn und zwei Gesellen. Und acht Wochen später einer Auszubildenden. Weiblich.

Was hat diese Geschäfts- und Ehefrau bewogen, mich einzustellen? Und sich damit über die Vorurteile zu Frauen in sogenannten Männerberufen und – wie mir später klar wurde – über ihren Sohn hinwegzusetzen? Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht konnte ich ihr meine Motivation so glaubwürdig veranschaulichen, dass sie mir einfach eine Chance geben wollte. Vielleicht dachte sie auch, dass eine Frau in der Werkstatt die Männerstrukturen aufknacken kann und ein freundlicheres Miteinander Eingang in ihren Familienbetrieb findet. Oder sie wollte einer Frau den Zugang zu einem technischen Beruf möglich machen, um damit ihren Teil dazu beizutragen, dass gesellschaftliche Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern abgebaut werden.

Herbst 2015. In handwerk magazin steht: „Überall in Deutschland starten Handwerkskammern zusammen mit Betrieben praxisorientierte Projekte, um Flüchtlinge in Arbeit und Ausbildung zu bringen.“ Aus der Kfz-Mechanikerin ist eine Journalistin geworden und ich frage mich – warum tut das Handwerk das eigentlich?
Rund 2.450 junge Menschen aus den acht Asylzugangsländern Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien waren 2015 in einer Handwerksausbildung. „Klar, es bindet natürlich Arbeitskraft, jemanden in dieser Situation in den Betrieb aufzunehmen“, sagt der Geschäftsführer einer Kfz-Werkstatt, in der zwei Geflüchtete arbeiten. Und der Inhaber eines Malerunternehmens, in dem zwei Geflüchtete ausgebildet werden: „Meine Frau und ich haben die Jungs schon samstags zum Berichtshefte schreiben und Mittagessen eingeladen.“ Unterstützung in der Berufsschule, immer wieder Erklärungen von uns selbstverständlich erscheinenden Dingen und manchmal auch Hilfe in Alltagsdingen wie Wohnung suchen und Strom anmelden – was motiviert diese Unternehmer?

Integration – wer wenn nicht wir?

Der Geschäftsführer eines Fotostudios, der gerade einen jungen Iraker eingestellt hat, sagt: „Wir müssen alle etwas dazu beitragen, damit die Integration funktioniert. Am effektivsten kann man jemanden unterstützen, wenn man oft mit ihm zusammen ist – und das ist auf der Arbeit. Deswegen habe ich ganz gezielt versucht, einen Geflüchteten einzustellen.“

Menschen unterstützen zu wollen, die gezwungen waren, aus ihrer Heimat zu flüchten und sich hier ein neues Leben aufbauen müssen, sollte ein grundlegender Bestandteil einer gesellschaftlich-humanistischen Motivation sein bei der Integration von Geflüchteten ins Arbeitsleben. Denn diese Menschen sind nicht geflüchtet, um unseren Fachkräftemangel zu mildern, sondern mit der Hoffnung auf ein besseres beziehungsweise überhaupt ein Leben. Gleichzeitig muss aber jeder einzelne Deal zwischen Handwerksbetrieb und Geflüchtetem funktionieren und eine Win-win-Situation für alle Beteiligten daraus werden, um das Zusammenspiel für den einzelnen Betrieb tragfähig zu machen.

„Wenn wir sehen, dass ein Mitarbeiter Lust auf den Beruf hat, wenn er zeigt ‚Ich will das mit ganzem Herzen‘ – dann bekommt er von uns so viel Förderung, wir er nur braucht. Auch wenn das manchmal ein bisschen mehr von uns fordert. Am Ende ist es ein Geben und Nehmen“, sagt der Maler. Und der Kfz.-Mechaniker: „Wir haben unseren Azubi nicht genommen, weil er Flüchtling ist, sondern weil er gut ist und hoch motiviert – zum Glück haben wir wenig Berührungsängste oder Vorurteile, die uns den Blick darauf verstellen könnten.“ Viele Unternehmer im Handwerk haben diese Erfahrung gemacht: Diese Menschen, die so vieles verloren haben, bringen oft höchste Motivation mit und können dank dieser „Zusatzqualifikation“ unter günstigen Bedingungen Sprachschwierigkeiten und Bildungsmängel schnell ausgleichen.
Und unter ungünstigen Bedingungen? Ohne Förderung, Integration, Wertschätzung? Werden die Bedingungen nicht aktiv und bewusst gestaltet, ist das wie eine Challenge, die man ignoriert – sie geht auf jeden Fall verloren. Für die Gesellschaft hätte das Folgen: Wer keine Chance bekommt, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren, muss vom Staat finanziert werden. Und die Fähigkeiten, die dieser Mensch hätte entwickeln können, kommen niemals zum Tragen. Ein nicht integrierter Mensch ist also nicht nur eine individuelle Katastrophe, sondern auch ein Verlust für die Gesellschaft.

„Es ist nicht klug, das Potenzial nicht wahrzunehmen“

So wie ein nicht in das Handwerk integrierter Flüchtling ein Verlust für den Betrieb sein kann. Denn die Integration von Geflüchteten kann dem einzelnen Unternehmen ein Anstoß sein:

  • Geflüchtete empfinden dem Betrieb gegenüber oft eine hohe Loyalität. Arbeitgeber und Kollegen werden wahrgenommen als diejenigen, die ihnen die entscheidende Chance geben. Das kann Einfluss auf das gesamte Betriebsklima haben und die Kooperation im Team verbessern.
  • Wer flüchten musste, greift meist auf mehrsprachige Konzepte zurück und hat Fähigkeiten wie Flexibilität und interkulturelle Kompetenz entwickelt. Das kann sich auf das Investitionspotenzial und die generelle Flexibilität des Unternehmens auswirken.
  • Flüchtlinge folgen nicht dem aktuellen Deutschland-Trend der zwanghaften Akademisierung. Es befinden sich deswegen einige unter ihnen, die große Kompetenzen mit sich bringen, aber im Handwerk bleiben wollen. Damit sind sie beständige Mitarbeiter, die auch für eine Unternehmensnachfolge infrage kommen.
  • Menschen aus anderen Ländern können unsere Betriebe mit den beruflichen und sozialen Kompetenzen aus ihren Herkunftsländern bereichern. Die Klassiker: Kontaktfreudigkeit und Improvisationsvermögen. Wer schulische und berufliche Bildungsabschlüsse oder Erfahrungen mitbringt, kann neue Ideen und Lösungswege einbringen.
  • Mitarbeiter, die im betrieblichen Alltag selbstverständlich mit den Unterschiedlichkeiten von Menschen konfrontiert sind, übertragen diese Flexibilität auch auf Kunden und Kooperationspartner. Unterschiedliche Bedürfnisse erscheinen ihnen nicht als Zumutung, individuellen Merkmalen eines Kunden wird nicht mit Vorurteilen begegnet. Das Unternehmen wird als weltoffen und engagiert wahrgenommen.
  • Die Einstellung eines Menschen, der in der Anfangszeit Begleitung benötigt, kann bester Anlass sein, die innerbetrieblichen Strukturen sowie die Instrumente der Mitarbeiterführung auszubauen, und so Integration und Teilhabe generell zu fördern. Der betriebliche Gewinn: motivierte Mitarbeiter, weniger Reibungsverluste durch innerbetriebliche Konflikte, hohe Mitarbeiterbindung.
Jetzt gilt es also, das mannigfaltiger werdende Potenzial an möglichen Arbeitskräften zu entdecken. Und zwar auch, aber nicht nur, weil es für die Betriebe immer schwieriger wird, Azubis und Fachkräfte zu finden. Dazu ein Malermeister, der einen Geflüchteten im dritten Lehrjahr ausbildet: „Das Handwerk wird in zehn Jahren nicht mehr das sein, was es jetzt ist – die Klugen werden die Nicht-Klugen überholt haben. Nicht klug ist es, das Potenzial, das in den Flüchtlingen steckt, nicht wahrzunehmen.“

Chancen bauen – Damit niemand aufgeben muss

Dass Geflüchtete oft erst für den Arbeitsmarkt gewonnen oder vorbereitet werden müssen, ist richtig. Die Handwerksorganisation, die die Zeichen der Zeit erkannt hat, hat deswegen eine Reihe an Maßnahmen ins Leben gerufen, die Bedingungen schaffen sollen, unter denen möglichst viele den Einstieg schaffen. Den Rest müssen wir machen, die Betriebe, die Gesellschaft: Vorurteile abbauen und Verständnis aufbauen.

Mir ist es übrigens damals nicht gelungen, mich auf Dauer gegen die im Umfeld von Autos und Motoren herrschenden Vorurteile immun zu machen. Ich habe nach meiner Ausbildung noch zwei Jahre in einer anderen Werkstatt gejobbt – und dann ermüdet aufgegeben und einen „für eine Frau“ gesellschaftlich akzeptierten Beruf gelernt.

Schade. Vielleicht bin ich ja auch ein kleiner Verlust für das Handwerk? Ich wäre heute vielleicht Ausbilderin. Dann wäre mein erklärtes Ziel, motivierten Menschen einen erfolgreichen Einstieg in das Handwerk zu ermöglichen. Unabhängig von Geschlecht, Farbe, Herkunft und sonstigen Eigenschaften, die manchmal dafür herhalten müssen, Menschen als „anders“ zu kennzeichnen und ihnen auf dieser Grundlage weniger Chancen einzuräumen. Wünsche ich mir das aus den oben genannten Gründen? Auch. Aber ich finde, die „richtigste“ Antwort auf die Frage nach dem Warum ist: Ja, warum denn nicht?

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