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Nullzinspolitik Das wird aus Ihrer Hausbank

Durch die Nullzinspolitik der EZB ­geraten die deutschen Banken unter Druck. Das verändert nicht nur die ­Bankenlandschaft, sondern hat auch nachhaltige Konsequenzen für Sie.

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Die Reaktionen deutscher Banken auf die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ließen nicht lange auf sich warten. „Die Zeit von weiten Angeboten kostenloser Kontoführung ist aus meiner Sicht vorbei“, erklärte der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), Georg Fahrenschon, im März dieses Jahres. „Wir werden Leistungen bepreisen müssen und zwar verursachergerecht.“ Alle Marktteilnehmer müssten angesichts der „falschen Zinspolitik“ der EZB neue Ertragsquellen erschließen, so Fahrenschon weiter.

Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands sprach aus, was viele Banker denken: Die deutsche Bankenlandschaft steht zunehmend unter Druck – und das gleich von mehreren Seiten: Niedrigzinsen, hohe Kosten für Regulierungsmaßnahmen wie Basel III, verändertes Kundenverhalten, Digitalisierung, Investitionen in neue Infrastruktur sowie höherer Wettbewerbsdruck durch innovative Start-ups der Finanztechnologie, sogenannte Fintechs.

Wioe sehen die ersten Maßnahmen der Banken aus?

Diese Entwicklungen stellen ihr Geschäftsmodell infrage. Die Institute passen daher bereits Strukturen und Geschäftsmodelle diesen Herausforderungen an. Heißt konkret, Filialen schließen, Mitarbeiter entlassen, Standardisierung von Geschäftsprozessen vorantreiben und Gebührenmodelle umstellen. Privat- und Firmenkunden bleiben da nicht außen vor, weil sie einen Teil der Kosten tragen, um die Erträge der Institute zu sichern. Für Firmenkunden aus dem Handwerk bedeuten diese Maßnahmen ein Umdenken im Umgang mit ihrer Bank. Für Unternehmer wird es künftig notwendig, sich in Finanzierungsfragen breiter aufzustellen.

Das offensichtlichste Problem der Banken bleibt die Nullzinspolitik der EZB: Die Notenbank flutet die Märkte weiter mit billigem Geld, damit die europäische Wirtschaft wächst. EZB-Chef Draghi prognostiziert, „dass die Zinsen für sehr, sehr lange Zeit niedrig bleiben werden“. Die Wirtschaftsweisen betrachten die Politik der EZB mit Sorge: Mittelfristig stelle die Niedrigzinsphase im Euroraum das Geschäftsmodell der Banken grundsätzlich infrage, heißt es im Konjunkturausblick der Wirtschaftsweisen.

Handlungsdruck steigt

So unterschiedlich die Geschäftsmodelle der Banken heute sind, die aktuellen Herausforderungen treffen die Institute ähnlich. „Die Finanzinstitute stehen unter massivem Handlungsdruck, da ihnen die Erträge wegbrechen“, sagt Christian Rauscher, Geschäftsführer von Emotion-Banking, der Sparkassen und Genossenschaftsbanken in Österreich und Deutschland berät. Die Banken lebten in der Vergangenheit gut, indem sie kurzfristige Einlagen zu niedrigen Zinssätzen einsammelten und in höher verzinste langfristige Kredite umwandelten. Jetzt schwinden die Zinsüberschüsse. Der Abstand zwischen Zinseinnahmen, die die Banken für Kredite und eigene Geldanlagen erhalten, und Zinsen, die sie ihren Kunden für Spareinlagen zahlen, wird immer geringer. Das senkt die Erträge.

Risikofaktor Baufinanzierung

Ein weiteres Risiko für die Banken verursachen die historisch günstigen Zinsen für Baufinanzierungen. „Banken vergeben derzeit sehr lang laufende Kredite zu extrem niedrigen Zinsen. Zum Teil kann man für 20 Jahre einen Festzinskredit für deutlich unter zwei Prozent bekommen. Wenn die Zinsen doch irgendwann steigen, dann müssen die Banken den Kunden plötzlich wieder höhere Zinsen zahlen, verdienen selbst aber relativ wenig“, erklärt Wirtschaftsweise Isabel Schnabel das Szenario .

Angesichts der schwindenden Gewinne und der steigenden Ri siken stehen vor allem Geschäftsmodelle kleinerer und mittlerer Banken sowie Sparkassen a uf dem Prüfstand. „Die Niedrigzinsphase tötet Banken, die eng mit dem Kunden arbeiten“, sagte der Stuttgarter Finanzprofessor Hans-Peter Burghof gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Große Bankhäuser seien eher in der Lage, Einbußen im Einlagengeschäft durch Erträge in anderen Bereichen auszugleichen. Burghofs Prognose würde gerade kleine und mittlere Betriebe hart treffen. Denn Sparkassen und Genossenschaftsbanken stellen den größten Anteil der Hausbanken im Handwerk.

Insgesamt behaupten diese Institute 2015 einen Marktanteil von über 46 Prozent im Firmenkreditgeschäft. Das können sie mit ihrer Filialstruktur auch in ländlichen Regionen leisten. „Genau diese Filialstruktur verursacht allerdings auch einen erheblichen Kostendruck“, gibt Unternehmensberater Rauscher zu bedenken.

Kosten Runter, Gebühren rauf

Ein genereller Strategiewechsel, wie Burghof ihn anklingen lässt, wird den Instituten nicht leicht fallen. Noch drücken die Banken in erster Linie ihre Kosten. Personal wird abgebaut, das Filialnetz verkleinert – oder beides. Die Filialen deutscher Institute sanken bereits von 47.835 auf 38.225 Außenstellen (siehe Infografik, Seite 19). 125.000 der heute rund 640.000 Arbeitsplätze müssten in den nächsten zehn Jahren gestrichen werden, damit die Bilanzen solide bleiben, rechnet die Unternehmensberatung Bain & Company vor.

Einen anderen Weg, um ihre Erträge künftig zu stabilisieren, leiteten viele Finanzinstitute bereits ein: Sie drehen an der Gebührenschraube, sodass Kontoführung, Transaktionen und Kreditkarte für den Kunden teurer werden. Die Chefs von Sparkassen, Postbank und den Großbanken bezogen dazu klar Stellung.

Die Commerzbank ging als Vorreiter schon früh auf größere Kunden zu. „Bei Firmenkunden, großen Konzernen, institutionellen Kunden und Kunden des öffentlichen Sektors, die hohe Guthaben als Einlagen bei uns parken, vereinbaren wir verstärkt eine individuelle Guthabengebühr“, erläuterte die Commerzbank bereits im letzten Jahr. Ziel sei nicht, die Gebühr tatsächlich zu erheben, sondern in den Gesprächen mit den Kunden alternative Anlagekonzepte zu entwickeln.

Banken sichern Erträge

Ähnlich sieht das die Postbank: „Wenn wir auf der einen Seite Minuszinsen zahlen müssen (für Einlagen bei der EZB, Anmerkung der Redaktion) und auf der anderen Seite das Konto kostenlos anbieten, wird daraus am Ende auch kein Schuh“, erklärte Postbank-Chef Frank Strauss im April. Firmenkunden zahlen bei seinem Institut seit 2015 schon 99 Cent für beleghafte Transaktionen. „Die Banken sichern so ihre Einnahmequellen. Die Kosten für Einzelbelastungen wie Transaktionen steigen“, erklärt Sigrid Herbst, Expertin für Zinsen, Entwicklungen, Entgelte von Banken bei der renommierten FMH-Finanzberatung in Frankfurt. Ihr Tipp für Firmenkunden: „Die Kontoführungsgebühr ist für Unternehmer nicht entscheidend, sondern die Anzahl der monatlichen Transaktionen. Das sollte man bei der Wahl des Geschäftskontos berücksichtigen und die Kosten vergleichen.“

Wenig Hoffnung besteht allerdings bei einer Anpassung des Kontokorrent an das aktuell niedrige Zinsniveau. „Da wird sich auf breiter Front für Firmenkunden wenig ändern“, schätzt Michael Dümmler, Unternehmensberater bei der Management Partner GmbH in Stuttgart und als Ex-Banker im Firmenkundengeschäft gerade mit den Anforderungen von kleinen und mittleren Betrieben vertraut. Allerdings könnten Unternehmer mit einer guten Bonität ihre Konditionen mit der Bank individuell verhandeln. Da gäbe es viel Spielraum, rät Sigrid Herbst Firmenchefs. Nicht nur für große Firmen, sondern auch für kleine Betriebe ist es sinnvoll, einen zweiten Finanzpartner auszuwählen und ins Boot zu holen. Je größer der Betrieb, desto eher lohnt sich eine zweite Bank.

Die Faustregel besagt: Ab 100.000 Euro Jahresumsatz sollte man mit mindestens zwei Finanzpartnern arbeiten. „Das erhöht die Flexibilität und bietet die Möglichkeit, die Liquidität des Betriebs zu verteilen“, erklärt Unternehmensberater Dümmler. Allerdings sieht er für kleinere Betriebe die Gefahr, dass sie Opfer von standardisierten Prozessen werden. „Die Beratung der kleineren Firmen arbeiten die Institute zunehmend per Telefon und online ab“, meint Dümmler.

Neue Wettbewerber greifen an

Und hier kommen Digitalisierung und neue Wettbewerber der Banken ins Spiel. Einerseits verlagern die Banken zwar Geschäftsprozesse ins Internet, um ihre Kosten zu reduzieren. Andererseits verlangt der Kunde aber auch von seiner Bank neue Kommunikationsstrukturen. Bereits 60 Prozent ihrer Bankgeschäfte erledigen die Deutschen im Netz, so die repräsentative Postbank Studie 2016 „Der digitale Deutsche und das Geld“.

„Apps und Co. werden nicht nur schneller, sondern auch einfacher, sodass sie nicht nur die Generation Y, sondern alle Bankkunden, generationenübergreifend, ansprechen“, sagt Philip Laucks, Chief Digital Officer der Postbank. Aber hier liegt auch die Herausforderung für die Banken: Sie müssen ihre IT-Infrastruktur für die neuen Kommunikationswege aufrüsten. Gleichzeitig greifen neue Wettbewerber, sogenannte Fintechs, die bestehende Wertschöpfungskette der Banken an.

Alternative Angebote

Fintechs vereinfachen Zahlungswege, machen Auslandsüberweisungen günstiger, bieten kostenlose Girokonten an. „Fintech-Unternehmen verfügen über alternative Angebote und Geschäftsmodelle, die traditionelle Bankprozesse in vielen Bereichen hinfällig machen könnten.

Dieser weltweite Trend wird deutlich zu spüren sein: In den nächsten Jahren ist dadurch ungefähr ein Drittel aller bisherigen Bankerträge in Deutschland gefährdet“, schreibt die Unternehmensberatung McKinsey&Company in ihrem aktuellen Report „Fintech – Herausforderung und Chance: Wie die Digitalisierung den Finanzsektor verändert“. Die Berater gehen weltweit von 12.000 und mehr als 200 Fintechs in Deutschland aus.

An bekannten Beispielen mangelt es nicht: etwa die Fidor Bank, eine webbasierte Direktbank mit klassischem Kontoangebot. Im Lending-Bereich, Online-Vergleich flexibler Ratenkredite und Vergabe von Privatkrediten, spielen Smava und Auxmoney bereits seit Mitte der 2000er-Jahre im Markt mit.

Welche Alternativen gibt es für Firmenkunden?

Die veränderten Präferenzen der Privatkunden spielen den Fintech-Unternehmen in die Hände. Jeder zweite hat mittlerweile ein Smartphone für mobile Transaktionen, mehr als 20 Prozent aller Spar- und Anlageprodukte kaufen Privatkunden online. Bis 2020 soll der Absatz auf 35 Prozent steigen, schätzt McKinsey. Lösungen für Geschäftskunden sind dagegen deutlich schwerer zu realisieren, denn hier sind Spezialisten-Know-how und Einzellösungen gefragt. Kredite an kleine und mittlere Unternehmen vermitteln online in Deutschland derzeit Anbieter wie Lendico, Smava und Funding Circle, ehemals Zencap. 2

015 betrug das Volumen für Online-Businesskredite in Deutschland 16 Millionen Euro. In den nächsten fünf Jahren soll das Volumen auf 11,4 Milliarden Euro steigen, so eine Studie des Statistik-Portals Statista. Für Firmenkunden aus dem Handwerk bieten die Online-Portale durchaus Vorteile. „Richtig genutzt, können sie für kleine Betriebe hilfreich sein“, sagt Carl Dietrich Sander, stellvertretender Vorsitzender des KMU-Beraterverbandes und Spezialist für Finanzierungen im Mittelstand.

Professionelle Portale unterstützen Unternehmer bei der Aufbereitung der Letzendlich reduzieren die Online-Portale für Firmenkunden auch die Abhängigkeit von der Hausbank und eröffnen kleineren Betrieben und Gründern in Finanzierungsfragen neue Wege.

Geldanlage wird zum Problem

Neue Wege in der individuellen Anlagestrategie zur Vermögenssicherung zu finden erscheint dagegen fast aussichtslos. „Die nächsten fünf bis sechs Jahre sehe ich keine Zinswende. Das erschwert den Vermögenserhalt für Privatanleger“, sagt Tobias Spies, Leiter Fixed Income bei Huber, Reuss & Kollegen, Vermögensverwaltung in München.

Das Problem: Die Renditen von Anleihen und klassischen Sparprodukten wie Tages- oder Festgeld werden wohl weiter sinken. Baufinanzierung wird für Häuslebauer dagegen günstig bleiben. Allerdings treiben die zahlreichen Investitionen in Betongold, gerade in den Ballungsgebieten, die Preise für Häuser und Wohnungen weiter in die Höhe.

„Durch die niedrigen Zinsen steigt auch eine falsche Risikobereitschaft bei den Anlegern. Kapital wird falsch investiert wie teilweise in sehr teure Immobilien“, warnt Vermögensberater Spiess.

Nur für risikobereite Privatanleger, die in Aktien oder Fondssparpläne investieren, ist die Nullzinspolitik der EZB positiv, da es nur noch wenige rentable Anlage-Alternativen für das viele, billige Geld am Kapitalmarkt gibt.

Trotz vieler Unsicherheiten, wie auch die Diskussion um das Verbleiben von Großbritannien in der EU zeigt, raten Experten Privatanlegern nach wie vor zu Investitionen in Aktien. Gerade, wenn es um den Aufbau einer langfristigen Altersvorsorge geht. „Für die jüngere Generation ist ein Aktiensparplan attraktiv und gleicht Risiken über einen längeren Zeitraum aus“, rät Spiess. Ein weiterer Vorteil der Jüngeren: Sie werden von einer erneuten Zinswende des Draghi-Nachfolgers profitieren.

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